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Neue Impulse für den regelbasierten Welthandel

Der regelbasierte Handel gerät weltweit immer stärker unter Druck. Die Schweiz will gemeinsam mit anderen kleinen und mittelgrossen Staaten für verbindliche Handelsregeln kämpfen – und lanciert dafür die FIT-Partnerschaft.
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Wartende Schiffe vor der Küste Singapurs. Die Schweiz und andere Staaten wollen mit der Initiative «Future of Investment and Trade Partnership» Bewegung in den Welthandel bringen. (Bild: Keystone)

Die amerikanischen Zölle, die chinesischen Exportrestriktionen bei seltenen Erden oder die Nutzung von wirtschaftlichem Druck zum Erreichen geopolitischer Ziele – das regelbasierte internationale Handelssystem steht unter Druck. Offene Märkte und verlässliche Handelsregeln waren lange das Fundament des globalen Wirtschaftswachstums. Gerade kleine und mittelgrosse Volkswirtschaften sind auf klare Spielregeln angewiesen, um in einer vernetzten Weltwirtschaft konkurrenzfähig zu bleiben und nicht durch willkürliche Handelsbarrieren benachteiligt zu werden.

Gleichzeitig ist das Vertrauen in klassische multilaterale Institutionen wie die Welthandelsorganisation (WTO) erschüttert, weil Reformen dort oft an Entscheidungsblockaden scheitern. Doch im Tauziehen der Grossmächte und unter dem Eindruck protektionistischer Tendenzen gehen zwei Punkte häufig vergessen. Erstens: 72 Prozent des Welthandels folgen weiterhin den gemeinsam festgelegten Regeln der WTO. Und zweitens: Die grosse Mehrheit der Länder hat ein starkes Interesse daran, das aktuelle regelbasierte Welthandelssystem zu bewahren.

Warum eine neue Initiative?

Gemeinsam mit Neuseeland, Singapur und den Vereinigten Arabischen Emiraten hat die Schweiz im September 2025 deshalb die «Future of Investment and Trade Partnership (FIT)» ins Leben gerufen. Diese plurilaterale Partnerschaft vereint kleine und mittelgrosse Volkswirtschaften mit klarem Bekenntnis zu offenem Handel und hat sich zum Ziel gesetzt, das regelbasierte Handelssystem zu bewahren und zu stärken.

Im November 2025 trafen sich die Handelsministerinnen und -minister der FIT-Partnerschaft in Singapur erstmals zu einem Ministertreffen. Dabei konnten sie eine Deklaration zur Lieferkettenresilienz verabschieden und die Mitgliedschaft erweitern. Momentan sind insgesamt 16 Staaten Teil von FIT. Auch mit dabei sind: Brunei, Chile, Costa Rica, Island, Liechtenstein, Malaysia, Marokko, Norwegen, Panama, Paraguay, Ruanda und Uruguay (siehe Abbildung).

Die 16 Mitgliedsstaaten der FIT-Partnerschaft

INTERAKTIVE GRAFIK
Quelle: Seco | Grafik: Die Volkswirtschaft

Kein Angriff auf die WTO

Die Mitglieder sind überzeugt, dass unvorhersehbare Handelspolitiken, wachsende geopolitische Spannungen und fragmentierte Märkte die globale Wirtschaft schwächen. Gerade Länder wie die Schweiz, die stark in globale Wertschöpfungsketten eingebunden sind, sehen darin ihr Wachstum und ihre Wettbewerbsfähigkeit bedroht. FIT setzt hier an, indem die Partnerschaft den regelbasierten Welthandel stärkt und die WTO als dessen zentrale Institution ergänzt und unterstützt. Diese Stossrichtung haben zuletzt zehn FIT-Mitglieder  in einer Ministererklärung bekräftigt.

Allerdings: Die Initiative soll sich von Mustern existierender multilateraler Organisationen wie der WTO unterscheiden. Anders als diese wählt FIT einen praktisch orientierten, pragmatischen Ansatz zur Förderung von Handel und Investitionen. Nennenswert ist etwa die «variable Geometrie». Sie erlaubt es, inhaltliche Arbeiten zu Themen voranzutreiben, ohne dass alle Mitglieder diese unterstützen müssen, wie das in Organisationen wie der WTO mit dem Konsensprinzip der Fall ist.

Was macht die FIT Partnership konkret?

FIT soll eine Plattform sein, um bei Handelsfragen flexibel und unbürokratisch Lösungen zu suchen. Ein Beispiel sind resilientere Lieferketten. Sie sind für FIT angesichts der zunehmenden globalen Krisen essenziell. Die Mitglieder haben hierzu am Ministertreffen in Singapur eine gemeinsame, nicht verbindliche Deklaration zu «Best Practices» verabschiedet. Diese soll den Ländern eine Richtlinie bieten, wie sie sich bei Lieferkettenproblemen aufgrund einer globalen Krise besser koordinieren können, und handelsbeschränkende Reaktionen vermeiden. So soll etwa anders als während der Covid-Pandemie im Krisenfall auf Exportbeschränkungen kritischer Güter verzichtet werden.

Mitglieder können sich je nach Interesse und Kapazität an einzelnen thematischen Arbeiten innerhalb von FIT beteiligen. Die Initiative führt aber zu keinen rechtlichen Pflichten. Das unterscheidet FIT deutlich von anderen Ansätzen wie beispielsweise Freihandelsabkommen. Gleichzeitig fördert FIT den Austausch zwischen öffentlicher Verwaltung und dem privaten Sektor, um praxistaugliche Lösungen für die Herausforderungen im globalen Handel zu finden. Am diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos hat FIT gemeinsam mit dem Privatsektor einen Dialog darüber geführt, wie globale Lieferketten künftig gestärkt werden könnten.

Weitere Arbeiten sind geplant zur Förderung des digitalen Handels und zum Einsatz neuer Technologien im Handel. Hier geht es etwa darum, wie die papierlose Zollabfertigung gefördert werden kann und welche Rolle künstliche Intelligenz im grenzüberschreitenden Warenverkehr spielen könnte. Zudem soll FIT als «Labor» dienen, um neue Ideen und Instrumente wie etwa die erwähnte variable Geometrie zu testen, die später auch mit anderen Partnern oder bei der WTO verwendet werden könnten.

Perspektiven für den Welthandel

Kurz gesagt: FIT steht für einen innovativen, pragmatischen Ansatz. In einer Zeit, in der häufig das Gesetz des Stärkeren gilt, ist es wichtig, dass sich die kleineren Staaten koordinieren. Die Stärke von FIT liegt in der Fähigkeit, praktische Lösungen zu entwickeln und umzusetzen, ohne durch politische Positionen, veraltete institutionelle Strukturen und das Konsensprinzip paralysiert zu werden.

Ob dieser Ansatz langfristig einen dauerhaften Beitrag zur Stabilisierung des regelbasierten Handelssystems leisten kann, wird sich zeigen. Es hängt davon ab, wie erfolgreich konkrete Initiativen umgesetzt werden und ob sich weitere Staaten anschliessen, um gemeinsam die Grundsätze des offenen und regelbasierten Welthandels zu verteidigen.

Zitiervorschlag: Stamm, Basil (2026). Neue Impulse für den regelbasierten Welthandel. Die Volkswirtschaft, 19. März.