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Warum wächst die Schweizer Wirtschaft dynamischer als die österreichische?

Die beiden Alpenländer sind klein, exportorientiert und wohlhabend. Dennoch wuchs das reale BIP pro Kopf in den vergangenen zwei Jahrzehnten in der Schweiz stärker als in Österreich. Die Gründe.
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Österreich und die Schweiz sind seit Langem wirtschaftlich in der Spitzenklasse, doch derzeit hat die Schweiz die Nase vorn. Im Bild der österreichische Skicrosser Johannes Aujesky. (Bild: Keystone)

Zwischen der Schweiz und Österreich besteht seit je eine freundschaftliche Rivalität. Nicht nur im Skisport oder im Fussball ist ein Kräftemessen spannend, auch wirtschaftlich lohnt sich ein Vergleich. Schon ein Blick auf bekannte Unternehmen zeigt: Beide Länder sind international erfolgreich, aber nicht auf dieselbe Weise.

Auf Schweizer Seite stehen etwa Roche, Nestlé oder Swatch für hoch spezialisierte Industrie oder Swiss Re für globale Dienstleistungen. Auf österreichischer Seite sind es der Stahl- und Technologiekonzern Voestalpine, der Erdöl- und Erdgaskonzern OMV, der Maschinen- und Anlagebauer Andritz oder Red Bull, die für eine breit abgestützte Industrie- und Markenwirtschaft stehen.

BIP pro Kopf im internationalen Vergleich (2006 – 2025)

INTERAKTIVE GRAFIK
Anmerkung: Reales BIP pro Kopf, in konstanten Kaufkraftparitäten.
Quellen: Nationale Statistikämter, OECD | Grafik: Die Volkswirtschaft

Beide Länder sind klein, exportorientiert und zählen gemessen am BIP pro Kopf zur weltweiten Spitzengruppe. Gemäss Zahlen des Internationalen Währungsfonds belegt die Schweiz beim kaufkraftbereinigten BIP pro Kopf im Jahr 2025 Rang 8 mit rund 97’500 Dollar. Österreich liegt auf Rang 21 mit rund 75’000 Dollar.

Doch trotz der Gemeinsamkeiten hat sich ihre Einkommensentwicklung in den vergangenen zwei Jahrzehnten auseinanderentwickelt: Zwischen 2006 und 2025 nahm das reale BIP pro Kopf in der Schweiz um rund 17 Prozent zu, in Österreich dagegen nur um knapp 10 Prozent (siehe Abbildung 1).

Österreich blieb aber nicht nur hinter der Schweiz zurück, sondern auch hinter Deutschland und dem Euroraum insgesamt.[1] Besonders einschneidend für Österreich war die Pandemie: 2025 lag das BIP pro Kopf in der Schweiz rund 5 Prozent über dem Vorkrisenniveau von 2019, in Österreich lag es noch immer knapp unter dem Wert von 2019.

Das wirft eine zentrale Frage auf: Warum entwickelte sich das reale Einkommen pro Kopf in der Schweiz deutlich dynamischer?

Ähnliche Struktur, unterschiedliche Spezialisierung

Ein Blick auf die sektorale Zusammensetzung ergibt zunächst keine klaren Antworten. Im Jahr 2024 entfielen in beiden Ländern deutlich über 60 Prozent der Bruttowertschöpfung auf Dienstleistungen. Doch entscheidend ist weniger die Grösse eines Sektors als seine Zusammensetzung und die Wertschöpfungsstärke der gewichtigen Branchen.

Während in Österreich dem Tourismussektor und den Transportdiensten ein grösseres Gewicht zufällt, überwiegen in der Schweiz produktivere Branchen wie der Finanz- und Versicherungssektor oder der Handel inklusive Rohstoffhandel. Der Industrieanteil liegt in beiden Ländern bei rund einem Fünftel. Im internationalen Vergleich ist das hoch, und man kann nicht von einer ausgeprägten Deindustrialisierung sprechen.

Für die unterschiedliche wirtschaftliche Dynamik ist aber vor allem die industrielle Spezialisierung interessant. Österreich ist auf mittlere Technologien spezialisiert. Dazu gehören insbesondere der Maschinenbau sowie energieintensive Metallerzeugnisse oder Fahrzeugteile. Die Schweizer Industrie konzentriert sich stärker auf hochproduktive, forschungsintensive Branchen wie Pharma, Chemie, Präzisionsinstrumente, Uhren oder spezialisierte Maschinen.

Exporte zentral, Diversifizierung entscheidend

Als kleine offene Volkswirtschaften sind sowohl die Schweiz als auch Österreich stark exportorientiert: 2025 entsprachen die Exporte von Gütern und Dienstleistungen in der Schweiz 78 Prozent des BIP, in Österreich 55 Prozent. Im internationalen Vergleich sind das sehr hohe Anteile. Doch auch hier gibt es entscheidende strukturelle Unterschiede.

Österreich ist stark auf den europäischen Raum ausgerichtet und historisch eng mit Mittel- und Osteuropa verflochten. Das Land profitiert von der industriellen Arbeitsteilung im Euroraum und von der geografischen Nähe zu wichtigen Absatzmärkten. Zugleich macht diese Ausrichtung die österreichische Wirtschaft anfälliger für Konjunkturschwächen in Europa. Zuletzt wurde dies im Nachgang zur Pandemie deutlich, als Österreich in den Sog der industriellen Rezession in Deutschland geriet (siehe Abbildung 1). Zudem führten die steigenden Energiepreise infolge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine ab 2022 zu Problemen in den energieintensiven österreichischen Industriezweigen.

Die Schweiz weist dagegen ein stärker spezialisiertes Exportprofil auf, in global stark nachgefragten Nischen mit hoher Wissensintensität. Diese Güter sind weniger preissensitiv. Das erlaubt höhere Margen und führt zu einer überdurchschnittlichen Wertschöpfung pro Beschäftigten und damit zu höherer Produktivität. OECD-Daten zeigen, dass die Produktivität in der Schweiz in den vergangenen zwei Jahrzehnten stärker zunahm als in Österreich.

Auch hinsichtlich der Absatzmärkte unterscheiden sich die Schweizer Exporte: Die Schweiz ist breiter aufgestellt und stärker in globale Märkte integriert. Neben Europa spielen Nordamerika und Asien eine grössere Rolle. Diese stärkere geografische Diversifizierung dürfte dazu beigetragen haben, dass die Schweiz weniger stark von der zuletzt schwächeren Industriekonjunktur im Euroraum gebremst wurde.

Der Franken zwingt zur Innovation

Für exportierende Länder stellen Wechselkursschwankungen eine grosse Herausforderung dar. Österreich profitiert vom Euro: Er reduziert Wechselkursrisiken mit den meisten EU-Ländern und erleichtert somit die Integration in europäische Wertschöpfungsketten.

Die Schweiz operiert dagegen mit einer eigenständigen Währung. Der Franken ist für Exportunternehmen eine dauerhafte Herausforderung. Gestützt durch die hohe wirtschaftliche Stabilität und die anhaltenden Leistungsbilanzüberschüsse der Schweiz, steht er auf der einen Seite seit Jahren unter Aufwertungsdruck gegenüber dem Euro. Auf der anderen Seite wirkt der starke Franken auch als Disziplinierungsmechanismus: Wer unter Aufwertungsdruck erfolgreich exportieren will, muss besonders innovative, hochwertige oder schwer ersetzbare Produkte anbieten. Der Wechselkurs begünstigt damit langfristig Branchen mit hoher Produktivität und starker Marktposition.

Enge wirtschaftliche Verflechtung

Österreich und die Schweiz sind nicht nur Konkurrenten auf den globalen Märkten, sondern profitieren von engen bilateralen Wirtschaftsbeziehungen. Aus Sicht Österreichs ist die Schweiz die viertwichtigste Partnerin im Bereich des Warenhandels und die zweitwichtigste Abnehmerin österreichischer Dienstleistungen.[2] Aus Sicht der Schweiz ist Österreich unter den zwölf wichtigsten Handelspartnern sowohl für Waren als auch für Dienstleistungen.

Im bilateralen Warenhandel dominieren vor allem chemisch-pharmazeutische Produkte und Güter aus der Maschinen-, Elektronik- und Metallbranche. Beim Dienstleistungshandel überwiegen Tourismus und Transportdienstleistungen. Interessant ist dabei, dass Österreich gegenüber der Schweiz Jahr für Jahr einen Handelsbilanzüberschuss erzielt – sowohl bei den Dienstleistungen als auch bei den Waren.[3] Für viele Schweizer Unternehmen fungiert Österreich als attraktiver Markt für den Einstieg in den EU-Binnenmarkt. So ist die Schweiz denn auch der drittgrösste Investor in Österreich.

Wie im Spitzensport: Zwei starke Konkurrenten

Was im Spitzensport gilt, gilt auch wirtschaftlich: Konkurrenz spornt an. Die Schweiz und Österreich spielen seit Langem in der Spitzenklasse, doch derzeit hat die Schweiz die Nase vorn. Sie verdankt dies ihrer stärkeren Spezialisierung auf Branchen und Produkte mit hoher Produktivität und Wertschöpfung pro Kopf sowie einer breiteren geografischen Diversifizierung der Exporte.

  1. Zum Vergleich Österreichs mit anderen EU-Staaten siehe auch den Artikel «Österreich: Reiches Land fällt wirtschaftlich zurück» in diesem Schwerpunkt[]
  2. Siehe Wirtschaftsbericht Österreich 2025 der Schweizerischen Botschaft in Wien. []
  3. Siehe Pochon, V. und C. Schmidt (2018). Kein Ausdruck von Schwäche: Das Handelsdefizit der Schweiz mit der EU, in: «Die Volkswirtschaft» 19. Juli. []

Zitiervorschlag: Pochon, Vincent; Wegmüller, Philipp (2026). Warum wächst die Schweizer Wirtschaft dynamischer als die österreichische? Die Volkswirtschaft, 14. April.