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Warum der grosse Handelskollaps oft ausbleibt

Neue Zölle, Sanktionen und Brexit sind schwere Schläge für den Welthandel. Doch der grosse Einbruch bleibt oft aus. Was erklärt diese Robustheit?
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Trotz Brexit ist das BIP des Vereinigten Königreichs gewachsen – aber womöglich weniger stark. (Bild: Keystone)

Im Lehrbuch steht: Der internationale Handel erhöht den Wohlstand. Er steigert die Effizienz, intensiviert den Wettbewerb und schafft Investitionsanreize. Entsprechend gross sind oft die Warnungen, wenn Zölle erhöht, Märkte abgeschottet oder Sanktionen verhängt werden: Handel, Wachstum und Wohlstand müssten dann deutlich leiden. So war es beim Brexit zu hören, bei den Sanktionen gegen Russland – und zuletzt wieder bei den US-Zöllen unter Donald Trump.

Aber trotz massiver Zollerhöhungen sind die Schweizer und die US-Wirtschaft letztes Jahr real um 1 bzw. 2 Prozent gewachsen. Das russische Bruttoinlandprodukt (BIP) ist heute um knapp 8 Prozent höher als noch vor dem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Auch das BIP des Vereinigten Königreichs liegt 11 Prozent über dem Niveau vor dem Brexit-Votum im Jahr 2016.

Warum blieb der Kollaps bislang aus? Und was sagt uns das über die Effizienzgewinne des Handels, die Kosten der Zölle und die Risiken von Versorgungsengpässen in den Lieferketten?

Handelsbeziehungen passen sich nur langsam an

Zunächst bleibt festzuhalten: Handelsströme entwickeln sich über die Zeit. Firmen müssen dafür neue Geschäftsbeziehungen aufbauen und in neue Märkte investieren. Im Umkehrschluss bedeuten neue Handelsbarrieren nicht ein abruptes Ende der Wirtschaftsbeziehungen. Kurzfristig können Unternehmen reagieren, indem sie auf bestehende Vorräte zurückgreifen, Margen anpassen oder zusätzliche Kosten nur verzögert weitergeben. Auch versunkene Markteintrittskosten sowie Vorteile etablierter Marktteilnehmer sorgen dafür, dass Handelsbeziehungen bestehen bleiben, auch wenn sich die Bedingungen verschlechtern.[1]

Diese Effekte können einen Handelsschock kurzfristig dämpfen, heben seine Kosten aber nicht auf. So wuchs beispielsweise der Welthandel 2025 jüngsten Schätzungen zufolge um 2,4 Prozent und damit langsamer als ursprünglich vorhergesagt.[2] Langfristig ist zudem mit deutlich höheren Kosten zu rechnen: Zwar lassen sich Lieferketten über die Zeit anpassen, aber nur begrenzt. Das gilt besonders dann, wenn Handelsbarrieren gegenüber einer wichtigen Handelspartnerin oder gar einem grossen Teil der Weltwirtschaft errichtet werden – wie beim Brexit, den US-Zöllen oder den Sanktionen gegen Russland. So gingen trotz Brexit 2024 noch 41,2 Prozent der britischen Exporte in die EU. 2015 waren es 43,8 Prozent. Das zeigt: Selbst wenn der Handel mit der EU durch den Brexit erschwert wurde, lässt sich der nahe gelegene Grossmarkt nicht einfach durch weiter entfernte Partner ersetzen.

In Summe deutet eine aktuelle Studie des National Bureau of Economic Research (NBER) auf erhebliche wirtschaftliche Kosten des Brexit hin.[3] Ihr zufolge lag das britische BIP 2025 um 6 bis 8 Prozent tiefer, als es ohne Brexit gelegen hätte. Bei den Investitionen betrug der Rückstand 12 bis 18 Prozent, bei Beschäftigung und Produktivität jeweils 3 bis 4 Prozent. Der Brexit führte somit zwar nicht zu einem abrupten Absturz der Wirtschaft, wohl aber zu tieferem Wachstum (siehe Abbildung).

Trotz Brexit wächst das BIP des Vereinigten Königreichs – aber langsamer als in der OECD

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Quelle: Berechnungen der Autoren basierend auf World Development Indicators | Grafik: Die Volkswirtschaft

Der Schaden zeigt sich oft später

Auch die US-Zollpolitik dürfte ihre Kosten nur schrittweise entfalten. Bereits heute führen die Zölle zu höheren US-Kosten für Vorleistungen wie Aluminium[4] und reduzieren damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit von US-Anbietern in nachgelagerten Industrien. Investitionsentscheide werden aber erst über die Zeit angepasst. Ein wichtiger Faktor ist dabei die erhöhte handelspolitische Unsicherheit: Sie bremst Investitionen und Markteintritte selbst dann, wenn die aktuell geltenden Zölle noch vergleichsweise tief sind.[5] Der eigentliche Schaden materialisiert sich deshalb oft erst über Jahre – in Form geringerer Produktivität, schwächerer Innovation und tieferer Wachstumsdynamik.

Ebenso bedeutet der ausgebliebene wirtschaftliche Zusammenbruch Russlands nicht, dass die Sanktionen grundsätzlich unwirksam wären. Dies umso mehr, als im Falle der Russland-Sanktionen weitere Faktoren eine Rolle spielen: Zum einen wird die russische Volkswirtschaft massgeblich durch die Kriegswirtschaft und die dadurch höheren Staatsausgaben gestützt.[6] Zum anderen zeigt die Forschung: Die Wirkung von Sanktionen hängt entscheidend davon ab, wie viele Länder sich daran beteiligen und wie konsequent der Handel mit zentralen Gütern tatsächlich blockiert wird.[7] Wo viele Drittstaaten als Ausweichkanäle dienen, fällt die Wirksamkeit von Handelssanktionen deutlich geringer aus.[8] Somit waren die Effekte bislang begrenzt, selbst wenn der politische und mediale Erwartungsdruck hoch ist.

Abhängigkeiten nicht automatisch ein Risiko

Auch für die aktuellen Debatten um wirtschaftliche Sicherheit und mögliche Risiken in den Lieferketten bieten die geschilderten Erfahrungen und die wissenschaftliche Literatur eine wichtige Einsicht: Nicht jede Abhängigkeit vom Ausland ist automatisch ein akutes makroökonomisches Risiko. Moderne Volkswirtschaften verfügen über erhebliche Substitutions- und Anpassungsmöglichkeiten. Das reicht von der Auswahl der Anbieter eines Guts über den Ersatz durch Substitutionsgüter bis hin zu Veränderungen in den Produktionsprozessen oder bei nachgelagerten Produktionsschritten.

In der Folge sind die volkswirtschaftlichen Kosten von temporären Lieferengpässen häufig geringer, als der Blick auf eine einzelne Lieferkette vermuten lässt.[9] Das spricht gegen pauschalen Alarmismus, aber nicht gegen Vorsorge. Im Gegenteil: Gerade weil Anpassung zentral ist, bleiben Offenheit, Diversifizierung und gute Rahmenbedingungen die wichtigste wirtschaftspolitische Antwort auf Debatten über wirtschaftliche Sicherheit. Sie erhöhen nicht nur die Effizienz, sondern auch die Resilienz.

Die eigentliche Lehre aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre ist deshalb nicht, dass Handelsschocks harmlos wären. Sondern dass moderne Volkswirtschaften sie zunächst oft besser abfedern können, als es die Schlagzeile vermuten lässt. Gerade deshalb zeigen sich die Kosten von Zöllen, Sanktionen und Abschottung häufig erst zeitverzögert – aber nicht minder real.

  1. Siehe Baldwin und Krugman (1989), Boehm et al. (2023) und Egger et al. (2025). []
  2. Siehe WTO (2025). []
  3. Siehe Bloom et al. (2025). []
  4. Siehe US Aluminium Consumers Pay the Spiralling Cost of Tariffs[]
  5. Siehe Caldara et al. (2020). []
  6. Siehe z. B. The Costs of War Are Driving the Economy: Russia’s Economic Situation in 2024[]
  7. Siehe Hausmann et al. (2024). []
  8. Siehe auch Scheckenhofer et al. (2026) und Lukaszuk (2021). []
  9. Siehe Bachmann et al. (2024) und Hausmann et al. (2024). []

Literaturverzeichnis

Bibliographie

Zitiervorschlag: Lukaszuk, Piotr; Schetter, Ulrich (2026). Warum der grosse Handelskollaps oft ausbleibt. Die Volkswirtschaft, 31. März.