Wie wirken sich Erbschaften auf das Arbeitskräfteangebot aus?
Wer erbt oder im Lotto gewinnt, arbeitet infolgedessen weniger. (Bild: Keystone)
Wir verfolgen 135’000 einzelne Erwerbsbiografien nach dem Erhalt einer Erbschaft von mehr als 10’000 Franken. Anonymisierte Steuerdaten aus dem Kanton Bern machen dies möglich. Dabei ergibt sich ein deutlicher Befund: Je grösser die Erbschaft, desto stärker sinken danach die Erwerbseinkommen, unser Mass für das Arbeitsangebot. Dieser Effekt ist besonders ausgeprägt bei Menschen über 50. Viele nutzen das geerbte Vermögen, um eine Frühpensionierung zu finanzieren.
In den Berner Daten sehen wir auch rund 5000 Lottogewinne von über 10’000 Franken. Dabei stellen wir fest, dass Lottosieger ihr Arbeitsangebot danach noch stärker zurückfahren als Erben von vergleichbaren Vermögen. Das liegt in erster Linie daran, dass ein grosser Lotteriegewinn überraschend kommt. Erben hingegen reduzieren ihren Arbeitseinsatz teilweise schon vor dem Erhalt des Vermögens, weswegen der Effekt zum Zeitpunkt des Erbes geringer ausfällt.
In unserer Studie machen wir ein Gedankenexperiment: Wir fragen, wie sich die Schweizer Wirtschaftsleistung ändern würde, wenn es keine Erbschaften mehr gäbe, alles andere aber unverändert bliebe. Mittels einer Modellrechnung kommen wir dabei zum Schluss, dass 1,7 Prozent mehr Lohnarbeit geleistet werden würde und das BIP daher um 1,1 Prozent grösser wäre. Meine Interpretation dieses Resultats ist, dass Erbschaften ein relevanter Faktor sind für die Bestimmung des gesamten Arbeitsangebots, aber dass andere Faktoren viel schwerer wiegen dürften.
Pro geerbtem Franken musste man in der Schweiz 1990 im Durchschnitt 4,6 Rappen an Erbschaftssteuern zahlen. Heute sind es noch 1,5 Rappen.
Am wichtigsten bleibt wohl das Lohnniveau: Je besser Arbeit entschädigt wird, desto mehr sind die Menschen bereit zu arbeiten. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Steuern und Abgaben auf Lohneinkommen das Arbeitsangebot einschränken.
Gemäss unserer Schätzung wurden im Jahr 2025 100 Milliarden Franken in Form von Erbschaften und Schenkungen übertragen. Das entspricht knapp 12 Prozent des BIP. Im Jahr 2000 waren es nur 32 Milliarden oder knapp 7 Prozent des BIP. Das wirtschaftliche Gewicht von Erbschaften nimmt also in der Schweiz stark zu.
Pro geerbtem Franken musste man in der Schweiz 1990 im Durchschnitt 4,6 Rappen an Erbschaftssteuern zahlen. Heute sind es noch 1,5 Rappen. Gleichzeitig sind Abgaben auf Löhne und Konsum gestiegen. Das scheint mir eine ökonomisch schwer zu rechtfertigende Entwicklung. Nicht zuletzt weil Erbschaftssteuern im Gegensatz zu den meisten anderen Steuerarten positive Arbeitsanreize erzeugen.
Interview: «Die Volkswirtschaft»
Zitiervorschlag: Nachgefragt bei Marius Brülhart, Universität Lausanne (2026). Wie wirken sich Erbschaften auf das Arbeitskräfteangebot aus? Die Volkswirtschaft, 24. März.

Marius Brülhart ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Lausanne