Volksabstimmung über Österreichs Beitritt zur EU 1994: 66,6 Prozent sagen Ja. Die damalige Bundesregierung stösst gemeinsam mit Bundespräsident Thomas Klestil (in der Mitte) auf das positive Abstimmungsergebnis an. (Bild: Keystone)
Österreich zählt zu den reichsten Ländern weltweit. Im Vergleich mit den heute 27 EU-Mitgliedsländern lag Österreich beim realen Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf im Jahr 2025 auf dem sechsten Rang. Die Schweiz würde auf Rang drei liegen, hinter Luxemburg und Irland. Österreichs BIP pro Kopf beträgt heute nominal rund 55’700 Euro.[1]
Beim EU-Beitritt im Jahr 1995 belegte Österreich allerdings noch den vierten Platz, wiederum im Vergleich mit allen heutigen 27 EU-Mitgliedsländern (die Schweiz wäre auf Rang zwei gewesen).[2] Auch gegenüber dem EU-Durchschnitt ist Österreich zurückgefallen: Im Jahr 1995 lag das reale Pro-Kopf-BIP noch um rund 47 Prozent, 2025 nur noch um 33 Prozent über dem EU27-Durchschnitt.
Unterdurchschnittliches Wachstum
Nun ist es selbstverständlich, dass ein Land mit einem bereits hohen Wohlstandsniveau im EU-Vergleich relativ an Boden verliert, wenn ärmere Länder beitreten, wie es bei den EU-Osterweiterungen seit 2004 der Fall war. Allerdings fällt auch der Vergleich mit Finnland und Schweden, die gemeinsam mit Österreich im Jahr 1995 der EU beigetreten sind, enttäuschend aus. In den beiden skandinavischen Ländern ist das BIP seit 1995 absolut und je Einwohner deutlich stärker gewachsen als in Österreich.
Seit dem EU-Beitritt 1995 wuchs das BIP pro Kopf in Österreich durchschnittlich um 1,1 Prozent pro Jahr. Sowohl in Finnland als auch im EU-Durchschnitt waren es 1,4 Prozent, in Schweden 1,5 Prozent.
Trotzdem profitiert Österreich von der EU
Das relativ schwache Wirtschaftswachstum Österreichs im Vergleich mit den beiden skandinavischen Ländern überrascht insofern, als Simulationsstudien übereinstimmend zum Ergebnis kommen, dass Österreich von der EU-Integration überdurchschnittlich profitiert hat.
Eine Analyse[3] hat 22 solche Ex-post-Simulationsstudien (siehe Kasten) zu den Effekten von Österreichs EU-Mitgliedschaft ausgewertet. Die Studie kommt zum Schluss, dass Österreich unter dem Strich von der EU-Mitgliedschaft profitiert hat. Durch die EU-Mitgliedschaft ist das reale BIP in Österreich pro Jahr um ungefähr 0,5 Prozentpunkte stärker gewachsen, als dies ohne EU der Fall gewesen wäre. Das ist ein Viertel des durchschnittlichen jährlichen Wachstums von 2 Prozent in den letzten 30 Jahren.
Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Auf der positiven Seite sind es die gesteigerten Exporte durch die Teilnahme am EU-Binnenmarkt und die Mitgliedschaft im Euroraum sowie aufgrund der EU-Osterweiterungen ab 2004. Auf der negativen Seite gibt es aber auch Einkommenseinbussen. Ein Grund dafür ist, dass Österreich (wie auch Finnland und Schweden) als Nettozahler in den EU-Haushalt einzahlt.[4]
Schwache Wirtschaftsentwicklung seit 2019
Besonders schwach war das Wirtschaftswachstum in Österreich im Gefolge der jüngsten Krisen: der Coronapandemie im Jahr 2020 und der Energiepreiskrise im Jahr 2022. Das österreichische BIP pro Kopf war im Jahr 2025 um 1,0 Prozent niedriger als im Jahr 2019, während es in Schweden seit 2019 um 3,0 Prozent und im EU-Durchschnitt um 5,7 Prozent stieg. Noch schwächer war die Entwicklung seit 2019 aber in Finnland mit einem Rückgang von 2,0 Prozent und in Deutschland, wo es in diesem Zeitraum um 1,3 Prozent zurückging (siehe Abbildung 1).
Abb. 1: Österreichs BIP pro Kopf entwickelt sich seit 2020 schwach
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Die schwache Wirtschaftsentwicklung in den vergangenen Jahren in Österreich hat viel mit der engen Verflechtung mit der deutschen Industrie zu tun. Rund 30 Prozent des Aussenhandels Österreichs werden mit Deutschland abgewickelt. Insbesondere die Vorleistungen für die deutsche Automobilindustrie sind dabei zum Problem geworden. Denn die deutsche Automobilindustrie hat verspätet auf Elektromobilität gesetzt und gerät zunehmend unter Wettbewerbsdruck aus China, das zudem seine Industrie stark subventioniert.
Hohe Inflation
Ein weiteres Problem war seit 2022 die hohe Inflation. Viele Jahre hatte Österreich eine niedrigere Inflation als der EU-Durchschnitt, vergleichbar mit Schweden und Finnland. Doch seit 2022 stiegen die Verbraucherpreise (und die Erzeugerpreise) deutlich stärker als in den beiden skandinavischen Ländern (siehe Abbildung 2).
Abb. 2: Inflation zog in Österreich seit 2020 stärker an als in Finnland und Schweden
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Ausgelöst wurde der kräftige Preisschub durch eine sprunghafte Zunahme der Energiepreise im Gefolge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine. Österreich war besonders stark von billigem Rohöl aus Russland abhängig, das nun wegfiel. Dieser Energiepreisschock führte zu einem starken Anstieg des allgemeinen Preisniveaus, was wesentlich auf die Lohnanstiege zurückzuführen ist. Denn in Österreich ist es üblich, dass sich Lohnerhöhungen an der zurückliegenden Inflation und der durchschnittlichen Produktivitätsentwicklung orientieren. Dabei wird als Ausgangspunkt bei den Verhandlungen die durchschnittliche Inflation der vergangenen zwölf Monate zugrunde gelegt. Ausserdem sind viele Preise und Mieten inflationsindexiert. Dadurch kommt es zu sogenannten Lohn-Preis-Spiralen, die schwierig zu durchbrechen sind.
Tiefe Arbeitslosigkeit spricht für Österreich
Auf der positiven Seite der Wirtschaftsentwicklung ist zu nennen, dass Österreich nach wie vor eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in der EU hat. Im Jahr 2025 waren es gemäss der international harmonisierten ILO-Arbeitslosenquote 5,7 Prozent (EU-Durchschnitt: 6,0%). Doch wegen der schwachen Konjunktur ist die Arbeitslosigkeit in Österreich in den vergangenen Jahren angestiegen, während in vielen anderen EU-Ländern die Arbeitslosigkeit weiter zurückgegangen ist. Im Jahr 2025 lag die österreichische Arbeitslosenquote deshalb nur noch knapp unter dem EU-Durchschnitt. Im Vergleich zu Finnland (9,7 Prozent) und Schweden (8,8 Prozent) ist die Arbeitslosenquote in Österreich noch immer deutlich niedriger.[5]
Literaturverzeichnis
- Breuss, F. (2025a). Österreich, Finnland und Schweden 30 Jahre in der EU mit unterschiedlichem Erfolg. Österreichische Gesellschaft für Europapolitik, ÖGfE Policy Brief 01 2025.
- Breuss, F. (2025b). Austria, Finland, and Sweden in the EU: Who Performed Better? Kindle eBook 1. Januar 2025.
- Cecchini, P. (Hrsg.) (1988). Europe 1992: The European Challenge – The Benefits of a Single Market. Commission of the European Communities.
Bibliographie
- Breuss, F. (2025a). Österreich, Finnland und Schweden 30 Jahre in der EU mit unterschiedlichem Erfolg. Österreichische Gesellschaft für Europapolitik, ÖGfE Policy Brief 01 2025.
- Breuss, F. (2025b). Austria, Finland, and Sweden in the EU: Who Performed Better? Kindle eBook 1. Januar 2025.
- Cecchini, P. (Hrsg.) (1988). Europe 1992: The European Challenge – The Benefits of a Single Market. Commission of the European Communities.
Zitiervorschlag: Weyerstrass, Klaus (2026). Österreich: Reiches Land fällt wirtschaftlich zurück. Die Volkswirtschaft, 08. April.
Ex-post-Studien zum Effekt der EU-Mitgliedschaft beruhen auf Simulationen mit unterschiedlichen makroökonomischen Modellen. Die kontrafaktische, also hypothetische Situation (in dem Fall ohne EU-Mitgliedschaft) wird dann verglichen mit der tatsächlichen Situation. Im Vorfeld von EU-Erweiterungen oder sonstigen wirtschaftlichen Integrationsschritten werden meist ebenfalls modellgestützte Abschätzungen der zu erwartenden Effekte erstellt. Diese Ex-ante-Schätzungen überschätzen die Integrationseffekte oft, sowohl hinsichtlich des Potenzials der Handelszunahme als auch der Wohlfahrtssteigerung. So schätzt der im Jahr 1988 erschienene sog. Cecchini-Report die Effekte des EU-Binnenmarkts, der im Jahr 1993 vollendet werden sollte, auf einen langfristigen BIP-Zuwachs von 4,5 bis 6 Prozent.a Ex post werden je nach Methode eher Wirkungen von 1 bis 3 Prozent geschätzt. Die Unterschiede beruhen darin, dass ex ante nur Modellsimulationen auf Basis von Annahmen durchgeführt werden können. Ex post stellt sich dann oft heraus, dass etwa Barrieren im Handel doch nicht vollständig abgebaut werden, beispielsweise hinsichtlich der internationalen Anerkennung von Berufsqualifikationen.
a Siehe Cecchini (1988).