Innovation: Grosse Sprünge sind in der Schweiz selten
Schweizer Unternehmen machen punkto Innovation nur noch selten grosse Sprünge. (Bild: Keystone)
Einst leisteten Schweizer Pionierarbeit in der Rückversicherung oder bei der Behandlung von Knochenbrüchen. Fragt man heutzutage eine Schweizer Führungskraft nach der wichtigsten Innovation ihres Unternehmens im letzten Jahr, fällt die Antwort oft ernüchternd aus: keine Marktneuheit, kein Paradigmenwechsel, nur eine moderate Verbesserung eines bestehenden Produkts und damit ein weiterer Schritt vorwärts auf einem bekannten Pfad.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage unter über 1100 Unternehmen aus den Bereichen Chemie und Pharmazie, Informations- und Kommunikationstechnik (IKT), Medizintechnik, Metalle, Elektronik, Maschinen (MEM), Lebensmittel sowie Finanzen.[1] Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) hat sie in Auftrag gegeben, um die Innovationsaktivitäten in der Schweiz zu untersuchen.
Viele kleine Schritte statt grosser Neuerungen
Praktisch in allen untersuchten Branchen zeigt sich dieselbe schleichende Entwicklung: Innovation besteht immer häufiger aus kleinen Verbesserungen. Unternehmen passen bestehende Produkte, Prozesse oder Geschäftsmodelle nur geringfügig an, statt grundlegend neue Lösungen zu schaffen. Im MEM-Sektor, einem Rückgrat der technologiegestützten Schweizer Exportindustrie, dominiert inkrementelle Innovation in mehr als der Hälfte der befragten Unternehmen. Selbst in der Chemie- und Pharmabranche, die traditionell stark bei Innovationen ist und viel für Forschung und Entwicklung aufwendet[2], sind radikale Produktinnovationen relativ selten.
Die Forschung spricht von Pfadabhängigkeit:[3] Unternehmen investieren viel in bestimmte Technologien und bleiben diesen deshalb treu. Neue Herausforderungen wie Digitalisierung oder regulatorische Vorgaben integrieren sie in bestehende Strukturen, statt diese zu verändern. Auf Unternehmensebene ist dies ein rationales Verhalten. Auf übergeordneter nationaler Ebene bleiben deshalb grosse technologische Sprünge aus.
Vier Faktoren, die die Schweiz zurückhalten
Die Studie identifiziert vier sich verstärkende Faktoren, die radikale Innovationen in der Schweiz besonders erschweren. Erstens sehen fast alle Branchen Regulierung als Hindernis. Unternehmen aus den Bereichen Pharmazie, Medizintechnik und Finanzen berichten, dass der hohe Compliance-Druck sie zu risikoscheuen, inkrementellen Anpassungen zwingt. Ein erheblicher Anteil der Unternehmen gibt an, dass sie wegen zunehmender Regulierungsanforderungen insgesamt weniger radikale Innovationen verfolgen. Unterschiedliche Vorschriften in unterschiedlichen Märkten und die hohe Rechtsunsicherheit bei Neuentwicklungen machen ambitionierte Innovationsprojekte teuer oder schlicht unattraktiv. Zwar hat die Schweiz einen stabilen inländischen Regulierungsrahmen, der aber in vielen Bereichen sehr kleinteilig ist. Beispielsweise bestehen kantonal unterschiedliche Vorschriften im Krankenhausbereich, im Bildungsbereich und bei der Infrastruktur (Strassen, Energie, Wasser/Abwasser). Dazu kommen die Komplexität und die Unvorhersehbarkeit internationaler regulatorischer Rahmenbedingungen, denen sich die Schweizer Exporteure nicht entziehen können.
Zweitens gibt es eine Finanzierungslücke, die Talente und Ideen ins Ausland treibt. So stossen Start-ups in verschiedenen Entwicklungsphasen auf Kapitalengpässe und haben einen Anreiz, in andere Länder abzuwandern. Diese bieten umfassendere Förderung von Forschung und Entwicklung (F&E), Zugang zu Risikokapital, ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte und einen leichteren Zugang zu grossen Absatzmärkten. Die vergleichsweise tiefen Steuern, das hohe Bildungsniveau und die hochwertige Infrastruktur in der Schweiz gleichen diese Nachteile nicht immer aus.
Drittens richten sich manche Schweizer Unternehmen in ihrer geringeren Innovationsdynamik ein. Sie nehmen, verglichen mit innovativen Unternehmen, weniger technologische Veränderungen in ihrer Branche wahr und glauben seltener, dass Kunden neue Lösungen wollen (siehe Abbildung). Entsprechend gehen sie eher davon aus, dass sich Innovationen nicht lohnen. Wenn sich eine solche Abneigung gegen Veränderungen verfestigt, kann das die Wachstumsdynamik wesentlich verringern.
Viertens erschwert digitaler Rückstand Innovation. Während grosse, forschungsaktive Unternehmen in den Bereichen IKT, Finanzen und Pharmazie stark auf datenbasierte Anwendungen setzen, wie zum Beispiel Mustererkennung («pattern recognition») zur Betrugserkennung bei Finanztransaktionen, prädiktive Modellierung von IT-Service-Aufwänden oder Kundennachfrage und digitale Zwillinge zur Simulation und Planung von Abläufen, bleiben viele KMU zurück. Ihnen fehlen Ressourcen und das Bewusstsein für digitale Transformation.
Forschende Unternehmen nehmen ihre Umgebung dynamischer wahr als Unternehmen ohne Innovationen (2024/2025)
INTERAKTIVE GRAFIK
Die politische Diskrepanz
Die Schweizer Innovationspolitik setzt stark auf Kooperation zwischen Wissenschaft und Industrie. Das funktioniert gut für Chemie, Pharma, IKT und Hightech-Fertigung. Finanzunternehmen hingegen arbeiten in erster Linie mit Technologiedienstleistern zusammen, nicht mit Universitäten. Lebensmittelunternehmen und viele der kleinen Medizintechnikfirmen innovieren weitgehend ohne F&E. Darüber hinaus nehmen viele Unternehmen schlichtweg nicht am staatlich unterstützten Innovationssystem teil. Laut der jüngsten Schweizer Innovationsumfrage fördert die Innovationspolitik 11,6 Prozent der innovativen Unternehmen.[4] Das Bewusstsein der Unternehmen für öffentliche Förderinstrumente, Forschungskompetenz oder potenzielle Partner ist überraschend gering. Infolgedessen wird die Zusammenarbeit insbesondere von KMU nach wie vor zu wenig genutzt, obwohl sie ein wichtiger Innovationsmotor sein könnte.
All dies bedeutet nicht, dass sich die Schweiz in einer unmittelbaren Krise befindet. Die Kernbranchen bleiben global wettbewerbsfähig, und F&E-aktive Unternehmen zeigen sich widerstandsfähig. Trotzdem ist die Entwicklung ernst zu nehmen: Innovation findet zunehmend in kleinen Schritten statt. Wenn die Schweiz gegensteuern möchte, dann sollten die hier beschriebenen Einflüsse auf die Innovationstätigkeit berücksichtigt werden.
Literaturverzeichnis
- Barjak, F. et al. (2026). New innovation models in Switzerland. Bericht im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI).
- Barnes, W., Gartland, M. und M. Stack (2004). Old Habits Die Hard: Path Dependency and Behavioral Lock-in. Journal of Economic Issues, 38(2), 371–377.
- Bundesamt für Statistik – BFS. (2025). Forschung und Entwicklung in der Schweiz 2023 Finanzen und Personal.
- David, P. A. (1985). Clio and the Economics of QWERTY. American Economic Review, 75(2), 332–337.
- Spescha, A., Tran, S. und M. Wörter (2025). Innovation und Digitalisierung in der Schweizer Privatwirtschaft – Ergebnisse der Innovationserhebung 2023. KOF Studies (Vol. 182). ETH Zürich.
Bibliographie
- Barjak, F. et al. (2026). New innovation models in Switzerland. Bericht im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI).
- Barnes, W., Gartland, M. und M. Stack (2004). Old Habits Die Hard: Path Dependency and Behavioral Lock-in. Journal of Economic Issues, 38(2), 371–377.
- Bundesamt für Statistik – BFS. (2025). Forschung und Entwicklung in der Schweiz 2023 Finanzen und Personal.
- David, P. A. (1985). Clio and the Economics of QWERTY. American Economic Review, 75(2), 332–337.
- Spescha, A., Tran, S. und M. Wörter (2025). Innovation und Digitalisierung in der Schweizer Privatwirtschaft – Ergebnisse der Innovationserhebung 2023. KOF Studies (Vol. 182). ETH Zürich.
Zitiervorschlag: Barjak, Franz; Foray, Dominique; Wörter, Martin (2026). Innovation: Grosse Sprünge sind in der Schweiz selten. Die Volkswirtschaft, 01. Juni.