Suche

Abo

«Diese Demut hat die Schweiz zum Erfolg geführt»

Millionen Marktteilnehmer entscheiden meist besser als eine zentrale Stelle. Das ist für Ronald Indergand Demut. Der 43-Jährige ist seit März Chefökonom des Bundes. Sein Kurs: die erfolgreiche Schweizer Wirtschaftspolitik fortführen, Reformen anstossen. Im Interview spricht er über Wachstum, Nachhaltigkeit, Regulierung – und ein paar Gramm am Rennrad.
Schriftgrösse
100%

Ronald Indergand im Seco, Bern: «Wachstum lässt sich nicht staatlich verordnen. Langfristig hängt es von der Produktivität und dem Erwerbspotenzial ab.» (Bild: Keystone / Christian Beutler)
Herr Indergand, wann dachten Sie erstmals: Aufpassen, jetzt bist du der Chefökonom des Bundes?

Zu Hause, letzten Oktober, spätabends. Seco-Direktorin Helene Budliger Artieda rief mich an und sagte: «Ronald, du bist es.» Das war ein unglaublicher Moment, ich habe mich wahnsinnig gefreut. Und plötzlich bist du für rund 60 Leute verantwortlich und prägst die Wirtschaftspolitik der Schweiz mit.

Seit Ihrem Studienabschluss arbeiten Sie fast durchgehend im Seco. Kritiker sagen: Beamte haben keine Ahnung, wie es in der Wirtschaft läuft. Berechtigt?

Als Pauschalurteil nicht. Aber wer sich nur in der Beamtenstube bewegt, verliert den Praxisbezug. Deshalb ist mir der Austausch mit Unternehmen, Verbänden, Politik und Wissenschaft wichtig. Und es braucht eine gewisse Demut.

Demut wovor?

Davor, dass wir als Staat nicht allwissend sind. Die Welt ist wahnsinnig komplex.

Also keine Industriepolitik, sondern den Markt machen lassen?

Ja. Diese Demut hat die Schweiz zum Erfolg geführt. Dezentrale Entscheidungen sind meistens besser als zentrale. Allerdings: Unternehmensinteresse ist nicht zwingend Landesinteresse. Deshalb braucht es staatliches Eingreifen, wo Märkte nicht gut funktionieren.

Seit Sie 2009 ins Seco kamen, wuchs die Schweizer Wirtschaft real im Schnitt um 1,8 Prozent pro Jahr. Seit ein paar Jahren folgt jedoch eine Krise auf die nächste. Wie geht es der Wirtschaft?

Die letzten zwei Jahre waren holprig: US-Zölle, die schwache EU-Konjunktur und ein Energiepreisschock. Noch hat die Schweiz aber keine strukturelle Wachstumsschwäche. Die Ausgangslage ist weiterhin gut. Aber das Potenzialwachstum sinkt allein schon aus demografischen Gründen: Viele gehen in Rente. Das dämpft das Erwerbspotenzial – und damit das Wachstum.

Jahrelang prognostizierten Sie das Bruttoinlandprodukt – kurz BIP – im Seco. Man nannte Sie auch Mister BIP. Was können Sie als Chefökonom tun, damit das BIP wieder stärker wächst?

Wachstum lässt sich nicht staatlich verordnen. Langfristig hängt es von der Produktivität und dem Erwerbspotenzial ab, also davon, wie viele Menschen in den Arbeitsmarkt integriert sind. Der Staat kann aber Rahmenbedingungen schaffen, in denen Unternehmen und Menschen möglichst produktiv tätig sind.

Gute Rahmenbedingungen – das klingt nach einer Floskel …

Ist es aber nicht. Effektiver Wettbewerb, ein flexibler Arbeitsmarkt, offene Märkte, stabile Staatsfinanzen und verlässliche Regeln – das ist sehr konkret. Sie sorgen dafür, dass Unternehmen innovieren, investieren und sich behaupten können.

Das BIP ist und bleibt eine der wichtigsten ökonomischen Kennzahlen.

Sie sind passionierter Rennradfahrer. Geschwindigkeit, Puls, Höhenmeter: Welche Kennzahl macht Ihnen am meisten Freude?

Die Höhenmeter. Je mehr, desto besser. Aber natürlich schaue ich auch darauf, wie lange ich dafür brauche und wie hoch mein Puls ist.

Und bei der Schweizer Volkswirtschaft?

Langfristig das BIP pro Kopf. Es ist ein zentraler Indikator für den materiellen Lebensstandard und erlaubt Vergleiche über die Zeit und zwischen Ländern.

Was ist mit der Wachstumsrate?

Das Niveau zeigt, wo wir stehen, das Wachstum, wohin wir uns bewegen. Beides ist wichtig.

Das BIP misst die Wirtschaftsleistung, nicht aber ihre Nachhaltigkeit. Zeit für eine neue Leitkennzahl?

Mit Sicherheit nicht. Das BIP ist und bleibt eine der wichtigsten ökonomischen Kennzahlen. Es war nie als Mass für Glück, Wohlfahrt oder Nachhaltigkeit gedacht. Wer es dafür kritisiert, schlägt den Sack und meint den Esel. Wie beim Radfahren braucht es weitere Kennzahlen, etwa Arbeitslosigkeit, Produktivität, Einkommensverteilung sowie Umweltbelastung.

Ihr Vorgänger galt als stoischer Ordoliberaler. Sie sind gut zwei Jahrzehnte jünger. Welches wirtschaftspolitische Banner tragen Sie?

Keine Revolution. Ich will die erfolgreiche Schweizer Wirtschaftspolitik weiterentwickeln. Die Neunzigerjahre zeigen, warum Reformen wichtig sind: Sie waren für die Schweiz wirtschaftlich ein verlorenes Jahrzehnt. Ein umfassendes Wettbewerbsrecht, Marktöffnungen, die Schuldenbremse und die Bilateralen brachten die Schweiz zurück in den Klub der erfolgreichen Länder.

Wo wollen Sie in die Offensive gehen?

Der Wachstumsbericht des Bundesrats für 2027 wird konkrete Reformmöglichkeiten aufzeigen: Ansatzpunkte sind die regulatorische Belastung, KI und Digitalisierung sowie nicht tarifäre Handelshemmnisse. Auch bei den Vorsorgewerken und den hohen Energiepreisen müssen wir genauer hinschauen.

 

Ronald Indergand: «Die Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Emissionen ist bereits sehr weit fortgeschritten.» (Bild: Keystone / Christian Beutler)
Und welchen Stellenwert hat Nachhaltigkeit dabei?

Sie steht an oberster Stelle. Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ist dabei kein Gegensatz zur Nachhaltigkeit, sondern eine zentrale Voraussetzung. Ohne Wohlstand beschneiden wir die Möglichkeiten unserer Kinder und werden viele soziale und ökologische Ziele dauerhaft nicht erreichen.

Von den Zielvorgaben der UNO-Nachhaltigkeitsagenda 2030 dürfte so gut wie keine erreicht werden. Überrascht Sie das?

So gut wie keine? Weltweit sind 15 Prozent auf Kurs, bei weiteren 53 Prozent gibt es Fortschritte. Die Agenda ist mit 17 Zielen und 169 Unterzielen allerdings extrem ambitioniert. Dazu kamen Pandemie, Kriege und schwaches Wirtschaftswachstum. Dass wir bei vielen Zielen zurückliegen, etwa bei der Armutsbekämpfung, überrascht mich deshalb wenig.

Die Agenda ist überladen?

Es war wohl kaum realistisch, all diese Ziele bis 2030 zu erreichen. Hinzu kommen unvermeidliche Zielkonflikte. Wenn ich saubere Energien will – Sonnenkollektoren, Wind- oder Wasserkraftwerke –, muss ich in die Landschaft eingreifen. Das kann die Biodiversität beeinträchtigen. Solche Konflikte müssen wir aushalten und Prioritäten setzen.

Seit 1990 hat die Schweizer Industrie ihre Treibhausgasemissionen um ein Drittel gesenkt und ihre Wertschöpfung nominal verdoppelt. Doch gut zwei Drittel des Schweizer Treibhausgas-Fussabdrucks entstehen im Ausland. Eine Erfolgsgeschichte?

Unter dem Strich ja. Der gesamte Treibhausgas-Fussabdruck pro Kopf ist seit 2000 um etwa 25 Prozent gesunken, obwohl wir mehr konsumieren und importieren. Das zeigt: Die Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Emissionen ist bereits sehr weit fortgeschritten.

Dann ist der hohe importierte Fussabdruck kein Problem?

Doch, er ist eine Herausforderung. Für eine kleine offene Volkswirtschaft ist es allerdings schwierig, den Fussabdruck im Ausland zu reduzieren. Zugleich ist die internationale Arbeitsteilung eine Grundlage des weltweiten Wohlstands. Dieser wiederum schafft die Voraussetzungen, viele, wenn nicht sogar die meisten Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Deshalb sollten wir die Umweltbelastung möglichst effizient senken, ohne Offenheit und Handel grundsätzlich infrage zu stellen.

Welche unbequeme Wahrheit gehört für Sie zur Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit hat ihren Preis. Wer gebildete Menschen will, muss in Bildung investieren. Wer künftigen Generationen einen soliden Staatshaushalt hinterlassen will, muss sich heute bei den Ausgaben beschränken.

Die Schweiz hat im internationalen Vergleich sehr tiefe Schulden. Könnten wir nicht viel mehr in die Zukunft investieren?

Das ist die falsche Herangehensweise: Die Verschuldung ist tief, also können wir mehr ausgeben. Entscheidend ist: Gibt es Investitionsbedarf? Bringt die Investition einen Ertrag, der die Kosten rechtfertigt? Wenn ja, kann auch Verschuldung eine Option sein.

Wo konkret?

Im internationalen Vergleich sehe ich zumindest aus ökonomischer Sicht keine grossen Investitionsdefizite. Infrastruktur und Bildung sind beispielsweise top. Natürlich gibt es immer konkreten Bedarf – etwa bei Energie, Verkehr oder Digitalisierung. Aber die Schuldenbremse hat die nötigen Investitionen grundsätzlich nicht verhindert.

Wenn Unternehmen ihre externen Umweltkosten nicht vollständig tragen: Was ist effizienter – Lenkungsabgabe, Vorschrift oder Subvention?

Grundsätzlich die Lenkungsabgabe. Sie folgt dem Verursacherprinzip, ist technologieneutral und überlässt es den Unternehmen und Individuen, optimal auf die Abgabe zu reagieren.

Ein Swiss Finish kann auch heissen: weniger regulieren als das Ausland.

Was stört Sie an Subventionen?

Subventionen zwingen den Staat, zu entscheiden, wer Geld erhält. Dafür fehlt ihm oft das nötige Wissen – da sind wir wieder bei der Demut. Anders ist es bei öffentlichen Gütern wie der Grundlagenforschung. Geht es aber um Picking the Winners, halte ich das für eine ausgesprochen schlechte Idee.

Die Vorschrift haben Sie ausgelassen. Wie eigenständig kann die Schweiz regulieren, wenn ihre Unternehmen internationale Regeln ohnehin erfüllen müssen?

Im Grundsatz entscheiden wir selbst. Aber wir bewegen uns nicht im luftleeren Raum. Wir können ausländische Regeln übernehmen, gleichwertige schaffen oder bewusst abweichen. Das kann positive wie negative Folgen haben, etwa beim Marktzugang. Das muss man jeweils abwägen.

Und was heisst das konkret für die Schweiz?

Ein Swiss Finish kann auch heissen: weniger regulieren als das Ausland. Wir sollten den Mut dazu haben und Regulierungen nicht vorschnell übernehmen. Oft preschen andere Länder vor. Wir können dann prüfen, was für uns sinnvoll ist. Beim EU-Green-Deal sehen wir nun, dass die EU teilweise zurückrudert, etwa bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung oder dem CO2-Grenzausgleichsmechanismus.

Sie warnen vor zu vielen Regeln. Gleichzeitig lebt die Schweiz von einer regelbasierten Weltwirtschaft. Was tun, wenn sich die Grossmächte nicht mehr daran halten?

Wenn die Welt unsicherer wird, sollten wir nicht auch im eigenen Land Unsicherheit schaffen. Stabile, verlässliche und vorhersehbare Institutionen sind heute ein noch grösserer Standortvorteil. Zweitens können wir uns mit gleichgesinnten Staaten für verbindliche Regeln einsetzen. Und drittens: Diversifizierung, Diversifizierung, Diversifizierung. Das ist das A und O für die Resilienz der Schweizer Wirtschaft – und unsere Versorgungssicherheit.

Welche ökonomische Einsicht hat Sie am stärksten geprägt?

Es sind zwei. Einerseits die Stärke dezentraler Entscheidungen: Millionen Marktteilnehmer wissen zusammen mehr, als eine zentrale Stelle je erfassen kann. Deshalb führen Märkte oft zu erstaunlich guten Ergebnissen.

Und die zweite?

Das Prinzip der Opportunitätskosten. In der Politik schauen wir meistens auf die sichtbaren Kosten. Die eigentliche Frage lautet aber: Worauf verzichten wir, wenn wir dieses Geld ausgeben?

Wo verhalten Sie sich privat völlig unökonomisch?

Völlig unökonomisch? Gibt es das überhaupt? [lacht]. Vieles lässt sich am Ende rationalisieren. Denn die Beweggründe der Menschen sind vielfältig und nicht rein monetär. Bleiben wir beim Fahrrad: Da gebe ich viel Geld aus, um ein paar Gramm einzusparen. Dabei wäre es effizienter, diese Gramm beim Fahrer einzusparen.

Zitiervorschlag: Interview mit Ronald Indergand, Chefökonom des Bundes (2026). «Diese Demut hat die Schweiz zum Erfolg geführt». Die Volkswirtschaft, 25. August.

Ronald Indergand

Der 43-jährige Ökonom leitet seit März 2026 die Direktion für Wirtschaftspolitik des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Dort begann er 2009 als wissenschaftlicher Mitarbeiter und leitete danach die Ressorts Konjunktur sowie Wachstum und Wettbewerbspolitik. Indergand studierte Volkswirtschaft an der Universität Bern und promovierte dort 2016 nach Forschungsaufenthalten in den USA über BIP- und Konjunkturdaten sowie Zuwanderung.

Das Seco mit Hauptsitz in Bern ist das Kompetenzzentrum des Bundes für Wirtschaftspolitik. Es setzt sich für nachhaltiges Wirtschaftswachstum, hohe Beschäftigung und faire Arbeitsbedingungen ein und beschäftigt über 900 Mitarbeitende.