Warum wächst die Schweizer Wirtschaft plötzlich so stark?
Knapp die Hälfte des hohen Wirtschaftswachstums im zweiten Quartal ist auf die Chemie- und Pharmabranche zurückzuführen. (Bild: Keystone)
Umfragen unter Ökonominnen und Ökonomen hatten für das zweite Quartal 2026 ein unterdurchschnittliches Wachstum erwarten lassen.[1] Gemessen am Sportevent-bereinigten BIP resultierte letztlich ein kräftiges Wachstum von 1,5 Prozent. Im internationalen Vergleich sticht das Schweizer Ergebnis hervor: In den USA und im Euroraum nahm das BIP im zweiten Quartal jeweils um 0,6 Prozent zu, in Deutschland um 0,3 Prozent. Wachstumsraten in dieser Grössenordnung sind für die Schweiz ausserordentlich und wurden zuletzt 2021 im Zuge der wirtschaftlichen Erholung vom Covid-Einbruch beobachtet. Was steckt hinter der überraschend hohen Zahl?
Chemie- und Pharmaindustrie liefert knapp die Hälfte
Fast die Hälfte des Wachstums ging auf die Chemie- und Pharmaindustrie zurück (siehe Abbildung). Diese Branche ist in den vergangenen Jahren im Durchschnitt deutlich stärker gewachsen als die Gesamtwirtschaft. Von Quartal zu Quartal weist ihre Wertschöpfung jedoch grosse Schwankungen auf, die nicht unmittelbar etwas über die allgemeine wirtschaftliche Lage in der Schweiz aussagen. Das heisst, sie wirken sich nicht eins zu eins auf den Arbeitsmarkt, den Preisdruck oder Stimmungsumfragen aus. Nach einigen schwachen beziehungsweise rückläufigen Quartalen wuchs die Branche im zweiten Quartal nun um rund 10 Prozent. Dies spiegelt sich in den Umsatzzahlen sowie in einem starken Anstieg der Ausfuhren chemisch-pharmazeutischer Erzeugnisse, der sich auch im Juli fortsetzte.
Das Schweizer BIP wuchs im zweiten Quartal 2026 um 1,5 Prozent
INTERAKTIVE GRAFIK
Auch die übrige Wirtschaft wächst
Allerdings hätte sich im zweiten Quartal auch ohne die Chemie-Pharma-Branche ein solides Wachstum ergeben. Positive Impulse kamen aus zahlreichen grossen Dienstleistungsbereichen wie dem Detail- und Grosshandel, dem Finanzbereich, den unternehmensnahen Diensten und dem Gesundheitswesen. Trotz der Auswirkungen des Iran-Konflikts auf die Luftfahrt wuchsen auch der Verkehrsbereich und das Gastgewerbe, Letzteres gestützt durch inländische Gäste.
Daneben wuchs der Industriesektor auch abseits der Chemie- und Pharmaindustrie. Das übrige verarbeitende Gewerbe schloss das Quartal insgesamt im Plus, auch wenn sich die einzelnen Industriezweige unterschiedlich entwickelten. Entsprechend sind die Warenexporte auch ohne chemisch-pharmazeutische Produkte gewachsen, zum Beispiel die Uhrenexporte. Und im Inland haben Konsum und Investitionen nach einem schwachen Jahresbeginn wieder zugenommen.
Zudem haben sich die Konjunkturindikatoren seit Anfang Jahr aufgehellt. Zumindest kurzfristig ist die Konjunktur grundsätzlich auf Erholungskurs. Insgesamt wurden die aktualisierten jährlichen Konjunkturprognosen für die Schweiz im September reihenweise deutlich nach oben revidiert, auch wenn der sprungartige BIP-Anstieg im zweiten Quartal eine gewisse Gegenbewegung im zweiten Halbjahr erwarten lässt. Zudem bleiben gewichtige Risiken für die weltwirtschaftliche Entwicklung bestehen, insbesondere ausgehend von der internationalen Geopolitik.
Ist das BIP der Schweiz deswegen verzerrt?
Der starke Ausschlag im zweiten Quartal wirft die Frage auf, wie aussagekräftig das BIP für die Messung der Wirtschaftsentwicklung in der Schweiz ist. Das BIP misst, kurz gesagt, die marktwirtschaftliche Wertschöpfung innerhalb eines Landes – unabhängig davon, welcher Sektor dafür verantwortlich ist, und unabhängig davon, wie stark dieser Sektor schwankt oder wie stark er sich auf den Arbeitsmarkt oder andere Bereiche auswirkt. Es ist somit konzeptionell korrekt, dass auch stärkere Ausschläge im Wachstum einzelner Branchen im BIP erfasst werden – auch wenn das die Interpretation der Daten erschweren kann. Verzerrt wird das BIP durch ein starkes Quartal bei der Pharma also nicht. Wichtig ist aber, dass man die Resultate sorgfältig interpretiert und man dafür je nach Fragestellung auf geeignete Messgrössen zurückgreift.
In gewissen Fällen kann es auch notwendig sein, die etablierten Grössen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, zu denen das BIP gehört, durch spezifische Kennzahlen zu ergänzen. So steht in der Schweiz ein modifiziertes BIP-Mass im Zentrum der Konjunkturbeobachtung, und zwar das eingangs erwähnte Sportevent-bereinigte BIP. Dabei wird der Effekt grosser internationaler Sportanlässe auf die Wertschöpfung geglättet. Wie bei anderen Organisationen, die ihren Sitz in der Schweiz haben, zählt die Wertschöpfung der meisten grossen internationalen Sportverbände zum Schweizer BIP, auch wenn die Wettkämpfe im Ausland stattfinden.[2] Dies führt zu regelmässigen Schwankungen im BIP der Schweiz: In geraden Kalenderjahren finden grosse Fussball-Ereignisse sowie Olympische Spiele statt. Die damit verbundene Wertschöpfung erhöht das gemessene BIP-Wachstum; im Folgejahr wirkt ihr Wegfall dagegen dämpfend. Diese regelmässigen Bewegungen können die Konjunkturanalyse erheblich erschweren. Gemessen am «klassischen» BIP ohne Bereinigung um internationale Sportgrossanlässe wuchs die Schweizer Wirtschaft im zweiten Quartal noch stärker, und zwar um 1,9 Prozent. Dies hängt mit der Fussball-Weltmeisterschaft in Nordamerika zusammen.
- Mehr dazu in den «Konjunkturtendenzen» Herbst 2026 (siehe Kasten). []
- Zur Verbuchung internationaler Sportgrossanlässe siehe auch Wegmüller, P., Fischer, S. und F. Kemeny (2023). Warum die WM in Katar das Schweizer BIP erhöht. «Die Volkswirtschaft», 28. Februar 2023. []
Zitiervorschlag: Kemeny, Felicitas; Wegmüller, Philipp (2026). Warum wächst die Schweizer Wirtschaft plötzlich so stark? Die Volkswirtschaft, 15. Oktober.
«Konjunkturtendenzen» Herbst 2026
Wirtschaftslage Schweiz – Im zweiten Quartal 2026 wuchs das Sportevent-bereinigte BIP um 1,5 Prozent. Das kräftige Ergebnis steht im Einklang mit der Konjunkturaufhellung, auf die gängige Stimmungsindikatoren in den vergangenen Monaten hindeuteten. Die Höhe des Zuwachses dürfte die zugrunde liegende Konjunkturdynamik allerdings überzeichnen.
Konjunkturprognose – Im zweiten Quartal 2026 wuchs das Schweizer BIP ausserordentlich kräftig um 1,5 Prozent. Im Einklang mit den verbesserten Stimmungsindikatoren war das Wachstum branchen- wie nachfrageseitig breit abgestützt. Dennoch dürfte der Zuwachs die zugrunde liegende Konjunkturdynamik überzeichnen: Für das zweite Halbjahr wird in der vorliegenden Prognose daher eine Gegenbewegung zu diesem starken Wachstum erwartet. Das starke erste Halbjahr führt dennoch zu einer deutlichen Aufwärtsrevision der Jahresprognose: Die Expertengruppe erwartet für 2026 ein Wachstum des Sportevent-bereinigten BIP von 1,7 Prozent.
Weltwirtschaft – Im zweiten Quartal 2026 entwickelte sich die Weltwirtschaft, gemessen an den wichtigsten Handelspartnern der Schweiz, insgesamt etwas günstiger als im Vorquartal. Mit dem Konflikt im Nahen und im Mittleren Osten haben sich global die Inflationsrisiken erhöht. Teils haben die Zentralbanken bereits reagiert. Die impliziten Renditen 10-jähriger Staatsanleihen sind in den vergangenen Monaten international weiter gestiegen, ausgehend von bereits hohen Niveaus.
