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Eine Umweltkrise, zwei Perspektiven

Forschende der Ökonomie und der Umweltwissenschaften beurteilen Umweltprobleme unterschiedlich. Diese Differenz beeinflusst die politische Debatte darüber, welche Massnahmen wirksam sind.
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Korallen leiden unter Ozeanversauerung. Dieses Umweltproblem haben Ökonomen zum Beispiel seltener auf dem Radar als Umweltforschende. (Bild: Keystone)

Wer in einer umweltpolitischen Fachkommission sitzt, stellt mitunter fest: Ökologie- und Wirtschaftsforschende reden zwar über denselben Planeten, aber nicht immer über dieselben Probleme und Lösungsansätze. Eine neue Studie[1] zeigt, dass diese Beobachtung kein Zufall ist.

Im Rahmen der Studie wurden weltweit 2365 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befragt, die in führenden Wirtschafts- oder Umweltzeitschriften publizieren. Jede Person wurde gebeten, bis zu neun Umweltprobleme zu nennen, die sie heute für besonders relevant hält. Das Ergebnis: Grundsätzlich haben Ökonomie- und Umweltforschende einen gemeinsamen Nenner, nannten aber manche Umweltprobleme unterschiedlich häufig. Dies bedeutet, dass sie diverse Herausforderungen unterschiedlich wahrnehmen. Diese unterschiedliche Wahrnehmung könnte beeinflussen, welche Lösungen sie bevorzugen.

Klimabezogene Probleme dominieren, aber nicht für alle gleich

Der Klimawandel ist über alle Befragten hinweg das meistgenannte Thema: Rund 70 Prozent erwähnen ihn. Auf Platz zwei folgt der Verlust biologischer Vielfalt mit etwa 51 Prozent. Dieser Befund überrascht wenig. Auffälliger ist, was die Gruppen unterscheidet (siehe Abbildung 1).

Umweltforschende nannten im Durchschnitt mehr und thematisch breitere Problemkategorien. Dies ist erkennbar bei Umweltproblemen, die nicht direkt mit dem Kohlenstoffkreislauf zusammenhängen: Dort klaffen die Antworten häufig auseinander. Neuartige Substanzen wie Ewigkeitschemikalien und Mikroplastik wurden von rund 43 Prozent aller Befragten genannt, unter Ökonominnen und Ökonomen aber deutlich seltener als unter Umweltforschenden. Auch Themen wie Biodiversität, Umwandlung natürlicher Ökosysteme, veränderte biogeochemische Kreisläufe (etwa durch Überdüngung) oder Veränderungen im Süsswasserbereich wurden von Umweltforschenden häufiger genannt.

Abb. 1: Die befragten Umweltforschenden erwähnten manche Umweltprobleme häufiger als die Ökonomieforschenden (2026)

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Anmerkung: Anteil der Forschenden, der eine bestimmte Umweltproblem-Kategorie aufgelistet haben. * kennzeichnet statistisch signifikante Unterschiede.
Quelle: Suter et al. (2026) | Grafik: Die Volkswirtschaft

Problemwahrnehmung prägt Lösungspräferenz

Die Studie zeigt einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Problemwahrnehmung und Lösungspräferenzen: Wer eine grössere Bandbreite an Umweltproblemen benennt, neigt auch dazu, umfassendere Lösungsstrategien mit einem höheren Potenzial zur Eindämmung von Umweltproblemen zu bewerten. Wer sich primär auf den Klimawandel konzentriert, hält marktbasierte Instrumente – zum Beispiel eine CO₂-Steuer – häufiger für besonders wirkungsvoll. Wer zusätzlich weitere Umweltprobleme wie Biodiversitätsverlust oder Landnutzungswandel als zentrale Herausforderungen einschliesst, sieht auch grösseres Potenzial in regulatorischen Eingriffen, in einer Schrumpfung der globalen Wirtschaft oder in gewaltfreiem zivilem Ungehorsam wie friedlichen Sitzblockaden oder Demonstrationen ohne Bewilligung.

Über alle Teilnehmenden hinweg wird das grösste Potenzial dem technologischen Fortschritt und Umweltregulierungen zugeschrieben (siehe Abbildung 2). Ökonominnen und Ökonomen bewerten das Potenzial von marktbasierten Instrumenten und technologischem Fortschritt höher als Umweltforschende. Umweltforschende sehen hingegen bei gewaltfreiem zivilem Ungehorsam und der Schrumpfung der globalen Wirtschaft grösseres Potenzial als Wirtschaftsforschende.

Abb. 2: Wirtschaftsforschende schätzen das Potenzial marktbasierter Lösungen höher ein (2026)

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Anmerkung: Die Forschenden wurden gebeten, das Potenzial von sieben Ansätzen zur Eindämmung von Umweltproblemen zu bewerten auf einer Skala von 1 (überhaupt kein Potenzial) bis 7 (sehr grosses Potenzial).
Quelle: Suter et al. (2026) | Grafik: Die Volkswirtschaft

Warum Fachleute andere Schwerpunkte setzen

Ein naheliegender Erklärungsansatz liegt in der disziplinären Sozialisation: Ökonominnen und Ökonomen lernen, Probleme mit den Werkzeugen ihrer Disziplin zu analysieren: Preise, Anreize, Marktversagen. Der Klimawandel fügt sich gut in diesen Rahmen. Er lässt sich als klassische negative Externalität verstehen, die durch eine Bepreisung von CO₂-Emissionen korrigiert werden kann. Umweltforschende hingegen befassen sich beruflich tendenziell eher mit dem Zustand von Ökosystemen in ihrer ganzen Komplexität. Das schärft naturgemäss den Blick für Probleme, die über Kohlenstoffemissionen hinausgehen.

Hinzu kommt womöglich ein Publikationseffekt: Wer in einem Fachjournal für Umweltökonomie veröffentlicht, bearbeitet tendenziell Fragen, für die ökonomische Methoden passen. Das rückt bestimmte Probleme in den Vordergrund.

Bemerkenswert ist dabei der Befund zur Technologie: Wer weniger Umweltprobleme nennt, hält technologischen Fortschritt tendenziell für besonders wirksam. Das ist nicht unbegründet, denn Technologien wie erneuerbare Energien können spezifische Probleme effektiv adressieren. Allerdings können sie auch neue Belastungen erzeugen: Solaranlagen und Windparks beeinträchtigen unter Umständen die lokale Biodiversität. Auch der Rohstoffabbau für die Energiewende ist mit sozialen Risiken verbunden: zum Beispiel Kinderarbeit beim Kobaltabbau oder Wasserknappheit für die lokale Bevölkerung durch den hohen Wasserverbrauch der Minen. Wer von vornherein ein breiteres Spektrum an Umweltproblemen im Blick hat, kommt deshalb womöglich eher zum Schluss, dass technologische Lösungen allein nicht ausreichen, und sieht bei systemischeren und transformativeren Ansätzen grösseres Potenzial.

Unsere Forschungsgruppe untersuchte auf Basis derselben Umfragedaten auch, was Forschende von der Idee des «grünen Wachstums» halten – also der These, dass Länder ihr Bruttoinlandprodukt weiter steigern können, während sie gleichzeitig die Umweltbelastung reduzieren.[2] Auch hier zeigen sich systematische Unterschiede: Ökonominnen und Ökonomen sind optimistischer, dass grünes Wachstum gelingen kann, als Kolleginnen aus den Geowissenschaften, der Biologie oder den Agrarwissenschaften.

Was folgt für die Politikberatung?

Die Studie zeigt: Wenn Fachleute aus verschiedenen Disziplinen mit unterschiedlichen Problemlandkarten in Politikprozesse gehen, reden sie womöglich in Debatten aneinander vorbei. Und zwar wegen strukturell unterschiedlicher Ausgangspunkte.

Für die Praxis der Politikberatung bedeutet das: Es lohnt sich, interdisziplinäre Fachgremien nicht nur als Addition verschiedener Kompetenzen zu begreifen, sondern als Orte, an denen zunächst Einigkeit über die Problemdiagnose angestrebt wird. Denn wer auf verschiedene Karten schaut, kann sich über den Weg kaum einigen, auch wenn das Ziel dasselbe ist.

  1. Siehe Suter et al. (2026). []
  2. Siehe Suter et al. (2025). []

Bibliographie

Zitiervorschlag: Suter, Manuel (2026). Eine Umweltkrise, zwei Perspektiven. Die Volkswirtschaft, 21. Mai.