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Schweiz – Frankreich: Zusammenarbeit stärkt die Energiesicherheit

Die Schweiz und Frankreich arbeiten seit Jahrzehnten im Energiebereich zusammen. Der Austausch von Strom, Erdgas, Erdöl und künftig auch von grünem Wasserstoff trägt zu einer sicheren Energieversorgung in beiden Ländern bei.
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Die Schweiz setzt auf Wasserkraft und exportiert diese nach Frankreich. Pumpspeicherkraftwerk Nant-de-Drance im Wallis. (Bild: Keystone)

Die Verflechtung der Energieinfrastruktur zwischen Frankreich und der Schweiz ist ein unauffälliger, aber wichtiger Pfeiler der europäischen Energielandschaft. Die beiden Länder teilen somit nicht nur eine geografische Grenze, sondern auch ein gut ausgebautes Netz für den Austausch von Strom und in geringerem Ausmass auch mit Erdgas und Erdöl. Die Zusammenarbeit zwischen den französischen und den schweizerischen Akteuren stärkt die Energieversorgung und -sicherheit und fördert die Infrastrukturentwicklung. Das bringt sowohl wirtschaftliche als auch ökologische Vorteile mit sich.

Strom: Ein leistungsfähiges Netz über die Grenze hinweg

Der Stromsektor ist ein gutes Beispiel für die intensive Zusammenarbeit der beiden Nationen: Mehrere grenzüberschreitende Verbindungsleitungen gewährleisten einen kontinuierlichen Stromaustausch mit Frankreich. Interkonnektoren – Hochspannungsleitungen, die die beiden Stromnetze verbinden – ermöglichen es, die Produktionskapazitäten zu optimieren und Nachfragespitzen zu bewältigen. Diese Infrastruktur wird auf der Schweizer Seite vom nationalen Übertragungsnetzbetreiber Swissgrid und auf französischer Seite vom Réseau de Transport d’Électricité (RTE) betrieben. Sie sorgt dafür, dass die Stromversorgung stabil bleibt, auch wenn die Energieproduktion aus erneuerbaren Quellen stark schwankt.

Die beiden Länder ergänzen sich in ihrer Stromproduktion: Frankreich hat mehr Kapazität in Kernkraftwerken, die Schweiz einen hohen Anteil an Wasserkraft. Mit 6,5 Milliarden Terawattstunden im Jahr 2023 war Frankreich das Land, aus dem die Schweiz am meisten Elektrizität importierte (Import-Export-Saldo, siehe Abbildung). Dieser Trend setzte sich 2024 fort. Besonders in Erinnerung blieb der Winter 2022. Neben geopolitischen Unsicherheiten trug auch die technisch bedingte Stilllegung eines Teils der französischen Kernkraftwerke dazu bei, dass die Unsicherheit hinsichtlich der Stromversorgung in der Schweiz stieg.

2023 importierte die Schweiz am meisten Strom aus Frankreich (Import-Export-Saldo in Terawattstunden)

 

Quelle: Bundesamt für Energie, Schweizerische Elektrizitätsstatistik 2023 / Die Volkswirtschaft

Das Pumpspeicherkraftwerk Nant-de-Drance im Wallis gehört zu den imposantesten grenzüberschreitenden Infrastrukturen. Die Anlage speichert überschüssigen Strom und gibt ihn bei hoher Nachfrage wieder ab. Sie hat eine Speicherkapazität von rund 400’000 Elektroauto-Batterien. So gleicht das Kraftwerk die Stromflüsse zwischen der Schweiz und Frankreich aus und trägt damit zur Stabilität der Stromnetze der beiden Länder bei.

Auch im Stromabkommen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union (EU) zielt eine Klausel darauf ab, die grenzüberschreitenden Stromflüsse optimal zu steuern und damit zur Versorgungssicherheit beider Länder beizutragen. Die materiellen Verhandlungen zum Abkommen wurden im Dezember 2024 abgeschlossen. Die Paraphierung der restlichen Elemente des Pakets Schweiz – EU durch die Chefunterhändler sowie seitens der Schweiz auch durch die Co-Verhandlungsführenden aus den zuständigen Ämtern ist für Mai 2025 in Bern vorgesehen und die Eröffnung der Vernehmlassung durch den Bundesrat vor dem Sommer.

Erdgas: Versorgungssicherheit und Transit

Frankreich ist ein wichtiger Akteur im europäischen Gasmarkt und spielt eine zentrale Rolle bei der Erdgasversorgung der Schweiz. Ein Teil der Bevölkerung im französischen Jura ist wiederum direkt auf das Schweizer Gasnetz angewiesen. 2009 vereinbarten die beiden Länder, dass Schweizer Unternehmen Zugang zu den Erdgasreserven in den unterirdischen Speichern Frankreichs erhalten. Eine wichtige Klausel des Abkommens gewährleistet die gegenseitige Solidarität der beiden Länder bei Engpässen in der Gasversorgung. Die Transitgas-Pipeline wiederum ist ein zentrales Bindeglied für die Beförderung von Erdgas aus Frankreich nach Italien und Deutschland. Das internationale Gastransportnetz erstreckt sich in der Schweiz über 292 Kilometer und durchquert die Alpen in 14 Tunneln. Über das Netz können mehr als 25 Milliarden Kubikmeter Erdgas transportiert werden. Zum Vergleich: Das ist mehr, als vom Kaspischen Meer nach Europa exportiert wird. Dadurch trägt die Schweiz zum Handel und zur Energiesicherheit in der gesamten Region bei.

Künftig könnte auch Wasserstoff eine wichtige Rolle spielen, um das Energiesystem zu dekarbonisieren. Denn Wasserstoff wird in Frankreich aus erneuerbaren Energien und Atomstrom hergestellt. Mehrere grenzüberschreitende Projekte von regionalen Akteuren, Unternehmen und Behörden sind bereits in Planung. Diese sollen künftige Wasserstofftransportnetze verbinden, zum Beispiel das Projekt Rhine Hydrogen Network (RHYn) zwischen Frankreich, dem Bundesland Baden-Württemberg und der Region Basel.

Erdöl: Vom Strassenverkehr bis zu internationalen Unternehmen

Für die Deckung des Erdölbedarfs – ein Kernelement der Energieversorgung – ist die Schweiz vollständig auf Importe angewiesen. 2023 importierte sie rund 9,5 Millionen Tonnen Erdölprodukte. Etwa 29 Prozent entfielen auf Rohöl, das hauptsächlich auf dem Weltmarkt eingekauft wurde – unter anderem in Nigeria, den USA und Kasachstan. Fertigprodukte wie Benzin, Diesel oder Heizöl stammen überwiegend aus Raffinerien in den Nachbarländern. Der Transport erfolgt hauptsächlich über Pipelines und mit Schiffen auf dem Rhein. Diese Abhängigkeit zeigt, wie wichtig stabile Handelsbeziehungen mit den europäischen Ländern für die Energiesicherheit der Schweiz sind.

Die Bevölkerung in der Schweiz und in Frankreich profitiert indirekt über die Zulieferer von dieser Infrastruktur, ist aber auch selbst Teil des grenzüberschreitenden Handels. So fahren Personen in den Grenzregionen häufig zum Tanken ins Nachbarland, wenn die Preise dort günstiger sind. Dieses individuelle wirtschaftliche Verhalten orientiert sich an den Marktpreisen und am Wechselkurs zwischen Schweizer Franken und Euro.

Die Schweiz hat zudem attraktive internationale Rohstoffhandelszentren wie Genf, insbesondere im Energiesektor. Französische Konzerne haben dort seit Jahrzehnten Niederlassungen und profitieren unter anderem von den spezifischen Fachkompetenzen der lokalen Wirtschaft und den guten Bahnverbindungen nach Paris. In den letzten Jahren hat beispielsweise der französische Energieriese Total Energies seine Präsenz in Genf ausgebaut, hauptsächlich über die Tochtergesellschaft Trading & Shipping.

Ähnliche staatliche Politik

Der Austausch von Strom, Erdgas und Erdölprodukten zwischen der Schweiz und Frankreich ist das Ergebnis einer staatlichen Politik, bei der sich die beiden Länder ergänzen und die über reine Handelsgeschäfte hinausgeht. Häufige politische Kontakte auf hoher Ebene sprechen für eine Annäherung der Energiepolitik, sowohl in Bezug auf die Dekarbonisierung als auch auf die Energieeffizienz. So unterzeichnete die Schweiz 2023 im Rahmen des Pentalateralen Energieforums (Penta)[1] zusammen mit sechs europäischen Ländern – darunter auch Frankreich – eine Ministererklärung. Diese fördert die Dekarbonisierung des Stromsystems der Unterzeichnerstaaten, indem die fossilen Energieträger bis 2035 durch erneuerbare Energien ersetzt werden sollen.

Während sich die Energiewende auf lokaler Ebene zunehmend konkretisiert, schafft die Energievernetzung zwischen der Schweiz und Frankreich gute Rahmenbedingungen für die Entwicklung innovativer Lösungen und den Ausbau der gemeinsamen Infrastruktur. Innovative grenzüberschreitende Projekte wie das im September 2024 lancierte Electrivert konzentrieren sich auf die Produktion von grünem Strom durch Biogas, stärken so lokale Synergien und tragen zu einer nachhaltigen Energiewende bei. Dank enger Beziehungen auf verschiedenen Ebenen können die beiden Länder gemeinsam die künftigen Herausforderungen im Energiebereich angehen und gleichzeitig zum Aufbau eines robusten und nachhaltigen europäischen Energienetzes beitragen.

  1. Am 18. Dezember 2023 nahmen Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande, Österreich und die Schweiz am Pentalateralen Energieforum teil. []

Zitiervorschlag: Cassaigneau, Guillaume; Dolivo, Léonard (2025). Schweiz – Frankreich: Zusammenarbeit stärkt die Energiesicherheit. Die Volkswirtschaft, 13. Mai.