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«Die Margen sind tief in diesem Business»

In der Schweiz werden 50 Prozent des Mineralwassers importiert. Patrick Marti, Geschäftsführer der Adelbodner Mineralquellen, räumt ein, dass das Schweizer Mineralwasser teuer sei. Bei den heimischen Produzenten entstehe jedoch durch den hohen Importanteil ein intensiver Preiskampf.
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Patrick Marti, Geschäftsführer der Adelbodner Mineralquellen, am Firmensitz in Adelboden: «Pestizide und andere Schadstoffe kommen heute fast überall vor, nicht nur im Wasser.» (Bild: Keystone / Susanne Goldschmid)
Herr Marti, Hand aufs Herz, trinken Sie auch Hahnenwasser?

Ja, sogar gerne. Wir sind in der Schweiz in der sehr guten Lage, dass wir das Hahnenwasser bedenkenlos trinken können. Vielleicht schätzen wir das teilweise zu wenig.

Hat das Grundwasser in Adelboden auch viele Mineralien?

Grundwasser und Mineralwasser kann man nicht vergleichen. Unser Mineralwasser stammt von der Tschentenalp, die rund 800 Meter über Adelboden liegt. Wenn es dort regnet oder der Schnee schmilzt, geht das Wasser sieben bis zehn Jahre durch den Berg. Dabei reichert es sich durch die verschiedenen Gesteinsschichten mit Mineralien wie Magnesium und Kalzium an und liegt uns dann als hochmineralisiertes Mineralwasser zu Füssen.

Enthält das Hahnenwasser in Adelboden nun überdurchschnittlich viele Mineralien?

Grundwasser enthält zwar Mineralien, allerdings nicht in derselben Menge wie Mineralwasser. Zudem unterliegt Mineralwasser deutlich strengeren Vorschriften und Qualitätsstandards. Mineralwasser ist ein rein natürliches Produkt. Im Abfüllprozess dürfen wir das natürliche Mineralwasser lediglich belüften, von Eisen befreien und mit Kohlensäure versetzen. Eine weitere Bearbeitung ist nicht erlaubt. Hahnenwasser hingegen ist behandelt und wird teilweise aus Fluss- oder Grundwasser aufbereitet.

Sie haben insgesamt sechs Quellen und füllen daraus neben Eigenmarken wie Adelbodner und Adello auch das Farmer-Wasser für Landi ab. Wie kommt das Wasser an die Oberfläche?

Aus hygienischen Gründen wird es bereits in rund 30 bis 60 Meter Tiefe gefasst. Die Quellen haben dementsprechend mineralische Unterschiede. Die Quellen sind jedoch artesisch, das heisst, das Mineralwasser kommt durch natürlichen Druck an die Oberfläche.

 

Wenn man eine neue Quelle erschliessen will, muss man das Wasser zwei Jahre lang testen.

 

Insgesamt gibt es im Wasserschloss Schweiz nur 20 Mineralwasserproduzenten – wie kann das sein?

Die Anforderungen an Mineralwasser sind sehr hoch. Wenn man eine neue Quelle erschliessen will, muss man das Wasser zwei Jahre lang testen. Einerseits um sicherzustellen, dass der Mineraliengehalt möglichst stabil ist. Andererseits dürfen nur 10 bis 15 Prozent des Wassers einer Quelle genutzt werden. Das stellt sicher, dass der Abfüller das Wasser nicht übernutzt. Man braucht also Orte mit einer hohen Schüttleistung, die das Jahr hindurch konstant ist. Das garantiert auch, dass sich die industrielle Abfüllung lohnt.

Wie gross ist hier noch die Reserve?

Im Moment schöpfen wir erst rund die Hälfte davon ab.

Knapp die Hälfte des Mineralwassers wird aus dem Ausland importiert. Ist das Schweizer Mineralwasser zu teuer?

Ja, es ist teuer. Ein Grund ist, dass viele Verpackungen in der Schweiz hochwertiger sind als im Ausland. Das merkt man beispielsweise an den teilweise schwabbeligen PET-Flaschen dort. Zudem haben wir in der Schweiz auch ein viel höheres Lohnniveau.

Hahnenwasser ist mit 2 Franken pro 1000 Liter in der Schweiz sehr günstig. Da erstaunt der hohe Mineralwasserkonsum mit knapp 110 Litern pro Person und Jahr doch etwas.

Im Vergleich zu Deutschland ist der Konsum gering. Italiener konsumieren mit über 200 Litern am meisten Mineralwasser pro Kopf in Europa. Ich denke, in erster Linie ist das eine Frage des Geschmacks.

Ist das nicht vielmehr eine Frage, wie gut oder eben schlecht das Hahnenwasser ist?

Natürlich spielen die Aufwertung und die Qualität des Grundwassers eine wichtige Rolle. In der Schweiz sind wir diesbezüglich sehr privilegiert. Dennoch greifen viele Schweizerinnen und Schweizer zu Mineralwasser, einfach weil ihnen der Geschmack zusagt. Jedes Mineralwasser bringt seine eigenen Charakteristika mit.

Der Markt bewegt sich. Nestlé sucht eine Lösung für sein schlecht laufendes Mineralwassergeschäft. Wo liegt die Hauptherausforderung in diesem Business?

Grundsätzlich sind die Margen tief in diesem Business. Für uns in der Schweiz ist eine der grössten Herausforderungen sicher, dass rund 50 Prozent importiert werden. Dadurch entsteht auch ein intensiver Preiskampf bei den heimischen Produzenten.

Die «NZZ am Sonntag» titelte letztes Jahr: «Der Mythos Mineralwasser wankt.» Hintergrund war ein Filterskandal in Frankreich. Natürliches Mineralwasser darf nicht als das bezeichnet werden, wenn es behandelt wurde. Spürten Sie diesen Skandal auch bei Ihren eigenen Absatzzahlen?

Wir hatten letztes Jahr und im laufenden Jahr sogar Umsatzwachstum. Wir gehen nicht davon aus, dass das mit dem Filterskandal in Frankreich zu tun hat.

 

Patrick Marti in der Produktionshalle in Adelboden: «Letztes und auch dieses Jahr sind wir im gut zweistelligen Bereich gewachsen.» (Bild: Keystone / Susanne Goldschmid)

 

Wie hoch ist das Umsatzwachstum bei Adelbodner?

Letztes und auch dieses Jahr sind wir im gut zweistelligen Bereich gewachsen.

Seit 2007 geht die Produktion von Mineralwasser aus Schweizer Quellen um 16 Prozent zurück. In welchem Segment wächst Adelbodner noch?

Wir spüren diesen Rückgang definitiv nicht. Wir gewinnen mit allen Mineralwasser-Sorten Marktanteile.

Sie haben auch Softgetränke – wie entwickeln sich diese?

Bei den Softgetränken geht der Konsum zurück. Der Zuckergehalt ist ein grosses Thema, weshalb weniger davon konsumiert wird. Seit zwei Jahren entwickeln wir deshalb auch keine Produkte mehr mit mehr als 5 Milligramm Zucker pro Liter. Im Moment investieren wir stark in den Bereich aromatisiertes Wasser. Peaq ist das beste Beispiel dafür – ein aromatisiertes Wasser mit Vitaminen, Magnesium und Koffein. Der Umsatz ist hier stetig wachsend und macht momentan rund 10 bis 15 Prozent aus. Das steht aber noch in keinem Verhältnis zum Mineralwassergeschäft, wo wir beim Marktanteil überproportional wachsen.

Und wie entwickelt sich der Gewinn?

Hier ist es ähnlich, da wir uns nicht auf die Preiskämpfe einlassen.

2023 kam es bei Adelbodner zu einem prominenten Besitzerwechsel: Neben Unternehmern stiegen auch Sportler wie Roman Josi, Mark Streit, Christian Stucki und Yann Sommer ein – warum?

Von 2018 bis 2022 haben wir unter dem vorherigen Eigentümer, dem Licht- und Wasserwerk Adelboden, dem lokalen Wasser- und Energieeversorger, die Infrastruktur ausgebaut. Danach suchten wir bewusst einen Investor für die künftige Ausrichtung mit Fokus auf die Schweizer Produktion. Wir haben uns diverse Interessenten angeschaut und letztlich für die Investorengruppe aus Wirtschaft und Sport entschieden.

Warum war das nicht mit dem alten Besitzer möglich?

Das Mineralwassergeschäft war nicht das Kerngeschäft des vorherigen Besitzers. Er hatte die Kompetenz nicht und benötigte einen Partner, der auch bereit war, Kompetenz einzubringen und in die Zukunft zu investieren.

Aber Sportler wie Mark Streit oder Roman Josi sind jetzt auch nicht gerade dafür bekannt, dass sie sich im Geschäft mit Mineralwasser auskennen.

Das ist richtig, aber sie sind auch nicht die alleinigen Eigentümer der Quelle. Zudem ist die Kombination aus Fachleuten und Profisportlern für uns sehr bereichernd und eröffnet neue Möglichkeiten, sowohl in der Entwicklung neuer Produkte als auch in deren Vermarktung. Unser neues Performance-Wasser Peaq wäre ohne die Sportler in dieser Form nicht möglich gewesen.

War auch ein Interessent aus dem Ausland dabei?

Nein, das wäre auch keine Option gewesen. Denn es ging darum, die Infrastruktur und die Arbeitsplätze in Adelboden sicherzustellen.

In der Presse hiess es, der NHL-Eishockeystar Roman Josi mit Heimatort Adelboden habe verhindern wollen, dass ein chinesischer Investor die Adelbodner Quelle übernehme. Es gab solche Gerüchte bereits um die Quelle im Walliser Dorf Turtmann.

Chinesische Investoren waren nie ein Thema.

 

Die Kunden mögen diese festgemachten Deckel nicht.

 

An wen gehen die Konzessionsgebühren aus der Nutzung der Quelle?

Wir bezahlen seit Jahrzehnten Konzessionsgebühren an den Kanton – und zwar für jeden verkauften Liter. Daran ändert sich mit den neuen Besitzverhältnissen nichts.

Exportieren Sie das Mineralwasser auch ins Ausland?

Nein, unsere Strategie ist klar: Wir wollen im Kanton Bern und innerhalb der Schweiz wachsen.

Ist das auch ein Grund, weshalb Ihre PET-Flaschen keine befestigten Deckel vorweisen, wie das in der EU Pflicht ist?

Für uns steht die Kundenzufriedenheit an oberster Stelle. Und die Kunden mögen diese festgemachten Deckel nicht. Solange es in der Schweiz keine gesetzliche Pflicht dazu gibt, werden wir das nicht umsetzen. Die Schweiz hat eine lange Geschichte des PET-Recyclings. Wir haben sogar den grösseren Rücklauf an PET-Flaschen verglichen mit Ländern, die mit einem Flaschenpfand arbeiten.

Wir haben das Zusammendrücken der Flasche und des Deckels drauf in der DNA?

Ja, definitiv. Wir sind damit aufgewachsen.

Verkaufen Sie mehr stilles Mineralwasser oder Wasser mit Kohlensäure?

Vor rund zehn Jahren haben wir zu etwa zwei Dritteln Wasser mit Kohlensäure verkauft. Heute sind es vielleicht noch 60 Prozent. Die Nachfrage nach stillem Mineralwasser nimmt also stärker zu.

Was sind die grössten Risiken beim Mineralwassergeschäft?

Erdbeben sind eine der grössten Herausforderungen, die wir nicht beeinflussen können. Im schlimmsten Fall könnte es zu Verschiebungen im Fels kommen, und das könnte dazu führen, dass der Zugang zur Quelle verschüttet wird.

Ist denn dieses Risiko gross?

Ein Steinwurf von hier, im Wallis, ist dieses Risiko an gewissen Orten sehr hoch. Wir können das also nicht ausschliessen.

Kann man dieses Risiko versichern?

Nein, damit müssen wir leben.

Was ist mit der Wasserknappheit? Beobachten Sie, dass die Wasserquellen mit dem Klimawandel immer weniger Wasser führen?

Nein. Auch wenn es mal längere Zeit nicht regnet, gleicht sich das aus, weil unser Wasser ja sieben bis zehn Jahre im Berg ist. In den vergangenen Jahren gab es ja einige trockene Sommer, in denen auch der Grundwasserspiegel zurückging. Wir haben davon nichts gespürt.

Drei aktuelle Studien beleuchten die Pestizidbelastung von Schweizer Bächen und Flüssen. Fazit: Die Pestizidbelastung ist hoch. Besorgt Sie das?

Ja, definitiv. Das beschäftigt uns sehr, denn Pestizide und andere Schadstoffe kommen heute fast überall vor, nicht nur im Wasser.

Gemäss einem Test von «K-Tipp» vom Frühling dieses Jahres hat man Trifluoressigsäure – kurz TFA – auch im Adelbodner gefunden. Es handelt sich dabei um eine sogenannte Ewigkeitschemikalie.

TFA wird mit jedem Regen aus Pflanzenschutzmitteln ausgewaschen und gelangt so in den Boden und ins Grundwasser. Daneben gelangen TFA bildende Gase aus Kälte- und Treibmittel auch in die Atmosphäre. Das heisst: Wo es Niederschlag gibt, dringt TFA auch ins Grundwasser ein.

Letztes Jahr kam der Bundesrat zum Schluss, dass die TFA-Werte noch so niedrig seien, dass die Schweizer Mineralwasser weiterhin als natürlich bezeichnet werden können. Das muss eine grosse Erleichterung für Ihr Unternehmen gewesen sein?

Der Bundesrat hat auch eine Karte veröffentlicht, auf welcher man sieht, wo TFA am meisten vorkommen. Die Berggebiete sind weniger belastet. Das ist für uns eine gute Nachricht.

Zitiervorschlag: Interview mit Patrick Marti, Mineralquellen Adelboden (2025). «Die Margen sind tief in diesem Business». Die Volkswirtschaft, 10. Dezember.

Patrick Marti

Der gelernte Bäcker und Konditor Patrick Marti hat seit je mit Lebensmitteln zu tun. Nach Positionen beim US-Nahrungsmittelkonzern Mars und bei der Molkerei Emmi ist der 52-Jährige seit 2015 Geschäftsführer der Mineralquellen Adelboden AG.

Im Juni 2023 übernahm die Aqva Holding das Unternehmen von der vorherigen Eigentümerin, dem Licht- und Wasserwerk Adelboden. Massgeblich beteiligt an der Aqva Holding sind Investoren aus der Wirtschaft. Zudem sind die Eishockeyaner Roman Josi und Mark Streit, der Fussballtorhüter Yann Sommer, der Schwinger Christian Stucki sowie der Tennistrainer Severin Lüthi investiert. Die Mineralquellen Adelboden AG gehört in der Schweiz zu den kleineren Mineralwasserproduzenten mit Fokus auf den Gastrobereich. Der Betrieb beschäftigt 45 Mitarbeitende.

Adelbodner hat insgesamt sechs Quellen und füllt daraus fünf unterschiedliche Mineralwasser ab: Adelbodner, Adello, Vives, Peaq Infused Swiss Mountain Water und das Landi-Wasser Farmer.