Suche

Abo

Neue Zertifizierung soll Investitionen in Infrastrukturprojekte erleichtern

Internationale Investoren beteiligen sich nur zögerlich an Infrastrukturprojekten – vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Ein neues Zertifikat soll helfen, diese Unsicherheiten abzubauen.
Schriftgrösse
100%

Süleymaniye-Moschee in Istanbul: In der Metropole steht auch der Bosporus-Strassentunnel («Eurasia-Tunnel»). Er ist eines der ersten Projekte mit Blue-Dot-Network-Zertifikat. (Bild: Keystone)

Eine hochwertige Infrastruktur ist für die wirtschaftliche Entwicklung zentral.[1] Allerdings müssen die Investitionen dafür den hohen Leistungs- und Governancestandards entsprechen, die in den G20-Grundsätzen für hochwertige Infrastrukturinvestitionen festgelegt sind. Weil Infrastrukturprojekte aber allzu oft schlecht geplant und wenig transparent sind, lassen sich ihre wirtschaftlichen Vorteile häufig nicht ausschöpfen. Mitunter führen ein vorzeitiger, unerwartet hoher Wartungsbedarf oder Umweltschäden zu nicht eingeplanten Mehrkosten, was die Schuldentragfähigkeit der Länder beeinträchtigen kann.

Manche Projekte bleiben bereits in der Vorbereitungsphase stecken, wenn etwa Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfungen vernachlässigt wurden. Dies führt zur Verschwendung begrenzter Ressourcen. Entscheidend ist daher, dass alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette der Qualität der Infrastrukturausgaben mehr Aufmerksamkeit schenken.[2]

Um diese Probleme anzugehen, wurde das Blue Dot Network (BDN) ins Leben gerufen. Sein Ziel ist ein weltweit anerkannter Zertifizierungsrahmen für Infrastrukturprojekte. Die BDN-Zertifizierung ist eine multilaterale Initiative der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Sie bescheinigt anhand klarer, messbarer Qualitätskriterien, dass die Projekte den internationalen Best Practices entsprechen und zur nachhaltigen Entwicklung beitragen. Das Zertifikat sendet somit ein vertrauensvolles Signal an Investoren, Regierungen und private Betreiber. Das BDN reduziert dadurch die von den Investoren wahrgenommenen Risiken und hilft so, Privatkapital zu mobilisieren. In Schwellen- und Entwicklungsländern ist das besonders wichtig. Denn sie benötigen für den Neubau und die Modernisierung von Infrastruktureinrichtungen bis 2040 voraussichtlich 106 Billionen Dollar[3] – während die öffentlichen Investitionsbudgets erheblich unter Druck stehen.

Die BDN-Zertifizierung als Qualitätsgarantie

Die BDN-Zertifizierung kann für Infrastrukturprojekte in verschiedenen Bereichen angewendet werden: Energie, Wasser- und Abwassermanagement, Verkehr sowie Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT). Von der Planung über den Bau bis zum Betrieb sind verschiedene Phasen und verschiedene Modalitäten wie traditionelles öffentliches Beschaffungswesen, öffentlich-private Partnerschaften und private Projekte zertifizierbar. Das BDN-Label richtet sich nicht nur an Neubauten. Es kann auch bestehende Anlagen im Betrieb zertifizieren – etwa, um Refinanzierungen, Erweiterungen oder einen Betreiberwechsel zu erleichtern.

Der BDN-Zertifizierungsrahmen schafft keinen neuen Standard, sondern fasst mehr als 80 relevante internationale Normen und Rahmenwerke zusammen. Damit soll er Bauträger bei der Entwicklung von Projekten unterstützen, die den allgemein anerkannten und akzeptierten internationalen Normen entsprechen. Die BDN-Zertifizierung beruht auf zehn Prinzipien (siehe Abbildung). Sie decken nicht nur die Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien (ESG) ab, sondern umfassen auch die Bewertung der Lebenszykluskosten sowie der Verschuldungsbedingungen des Projekts, die tragfähig und transparent sein müssen.

Der Zertifizierungsprozess folgt einem strengen Verfahren. Dieses reicht von der Bewerbungsphase über eine detaillierte Selbstdeklaration der Projektträger bis hin zur unabhängigen Überprüfung durch akkreditierte Drittstellen und endet mit der Zertifizierung. Das Label wird für fünf Jahren vergeben und kann verlängert werden. Zudem wird es regelmässig überprüft.

Die zehn BDN-Zertifizierungskriterien

Quelle: Bluedot-network | Grafik: Die Volkswirtschaft

Erste globale Zertifizierungen

Seit dem offiziellen Startschuss 2024 hat das BDN bereits einige Projekte aus verschiedenen Sektoren und Kontinenten zertifiziert. Ein Beispiel ist der Eurasia-Strassentunnel unter dem Bosporus in Istanbul. Er wurde für sein nachhaltiges Design und den Einfluss auf die städtische Mobilität zertifiziert. Ebenfalls zertifiziert wurden der brasilianische Konzessionsinhaber Águas do Rio, dank dem mehr als zehn Millionen Menschen Zugang zur Wasserversorgung und zur Abwasserentsorgung haben, sowie das Unterwasserkabel PC2 in Palau, das die digitale Anbindung des Inselstaats im Pazifik verbessert.

Weiter wurde eine Kläranlage im südkoreanischen Hwaseong für ihre ökologische und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gewürdigt sowie eine auf dem Viktoriasee eingesetzte Fähre für den Gütertransport zwischen Uganda und Tansania. Sie verkürzt die durchschnittliche Fahrzeit auf den überlasteten Strassen der Region von bis zu vier Tagen auf nur 18 Stunden. Das spart Zeit und Kraftstoff und verbessert gleichzeitig die Sicherheit von Anwohnern und des Transportpersonals.

Soziale Akzeptanz und Finanzierung fördern

Die Einbindung des Privatsektors ist ein zentraler Faktor beim BDN. Seit seiner Gründung stützt sich das Netzwerk auf ein hochrangig besetztes Beratungsorgan, dem mehr als 200 Vertreter von Unternehmen, Gewerkschaften, Hochschulen und der Zivilgesellschaft angehören. Sie alle haben aktiv an der Ausarbeitung des Zertifizierungsrahmens mitgewirkt. Die Mitglieder decken das gesamte Infrastruktur-Ökosystem ab: institutionelle Investoren, Vermögensverwalter, Geschäftsbanken, multilaterale Entwicklungsbanken, Projektentwickler und -betreiber, Bauunternehmen, Ingenieurbüros, Consultingfirmen sowie Technologieunternehmen.

Das BDN-Label bietet Projektträgern zahlreiche Vorteile. Erstens macht es Projekte früh sichtbar und erhöht damit die Finanzierungschancen. Zweitens mindert es die Projektrisiken, weil auch Klima-, Cybersicherheits- und Korruptionsgefahren bewertet werden; das erweitert das Investorenspektrum, führt zu besseren Finanzierungsbedingungen und lockt die besten Bieter ans Ausschreibungsverfahren. Drittens stärkt das Label die gesellschaftliche Akzeptanz von Projekten, weil dadurch transparente Informationen bereitgestellt und Konsultationsprozesse organisiert werden, welche die Vorzüge aufzeigen und so das Blockaderisiko verringern. Und schliesslich steigen bestehende Projekte im Wert, wenn ihre Qualität zertifiziert und dadurch ihr Weiterverkauf erleichtert wird.

Schweizer Vorsitz

Die Schweiz ist neben Australien, Japan, Spanien, der Türkei, den USA und dem Vereinigten Königreich Mitglied des BDN und übernimmt 2025 bis 2026 den Vorsitz. Sie setzt sich dafür ein, die Glaubwürdigkeit der Zertifizierung zu stärken und sie in den Schwellen- und Entwicklungsländern zu verbreiten. Diese Ziele stehen im Einklang mit den Prioritäten der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit, die auf die Förderung hochwertiger Infrastruktureinrichtungen setzt. Sie tragen aber auch den Realitäten des Infrastrukturmarkts Rechnung, da immer mehr Infrastrukturprojekte in Schwellen- oder Entwicklungsländern realisiert werden.

Das BDN-Potenzial ausschöpfen

Das BDN-Netzwerk will seine Entwicklung weiter vorantreiben. Der Zertifizierungsrahmen ist geschaffen, und die ersten Projekte sind validiert. Bis sich ein gefestigter Markt für zertifizierte Infrastrukturen gebildet hat, wird noch einige Zeit verstreichen. Doch die Aussichten sind gut, da die Projekte im Zertifizierungsprozess schnell zunehmen. Diese Projekte werden von staatlichen Stellen, darunter Ministerien, Vergabebehörden oder Agenturen zur Förderung von Projekten öffentlich-privater Partnerschaften, sowie von multilateralen Entwicklungsbanken und privaten Investoren und Konzessionären getragen.

Wollen die Länder Projekte zur BDN-Zertifizierung einreichen, brauchen sie Kapazitäten. Denn für die Zertifizierung müssen sie technische Fragen beantworten und den Zertifizierungsprozess steuern. Diese Fähigkeiten müssen sie ebenfalls stärken, damit mehr Projekte das erforderliche Niveau für ein BDN-Label erreichen. Eine qualitativ hochwertige technische Unterstützung ist deshalb insbesondere für Entwicklungsländer wichtig. Und schliesslich hängt der Erfolg des BDN auch von der Anerkennung durch die Finanzmärkte ab. Denn erst das verschafft den Projektträgern einen Wettbewerbsvorteil.

  1. Siehe Internationaler Währungsfonds (2020). Well Spent, How Strong Infrastructure Governance Can End Waste in Public Investment. []
  2. Siehe Internationaler Währungsfonds (2020). Well Spent, How Strong Infrastructure Governance Can End Waste in Public Investment. []
  3. Siehe McKinsey & Company (2025). The Infrastructure Moment[]

Zitiervorschlag: Farronato, Joël; Giroud, Silvio (2026). Neue Zertifizierung soll Investitionen in Infrastrukturprojekte erleichtern. Die Volkswirtschaft, 06. Januar.

Initiativen zur Förderung hochwertiger Infrastruktur

Mehrere globale Initiativen wie die UNO-Ziele für nachhaltige Entwicklung oder die von der G20 festgelegten Grundsätze hochwertige Infrastrukturinvestitionen wollen Infrastrukturen fördern, die wirtschaftlich tragfähig, sozial integrativ, ökologisch nachhaltig und widerstandsfähig gegenüber (ökologischen oder gesellschaftlichen) Schocks sind.

Das Blue Dot Netzwerk (BDN) wendet diese Grundsätze auf Projektebene an und setzt sie dort um. Das Label Fast-Infra verfolgt mit seinem für verschiedene Sektoren angebotenen, auf Selbstdeklarationen beruhenden Label ein ähnliches Ziel, während sich der Hydropower Sustainability Standard auf den besonders komplexen Sektor der Wasserkraft konzentriert und dort vorbildliche Projekte zertifiziert. Die Schweiz fördert diese drei Instrumente. Indem sie die Zusammenarbeit zwischen Regierungen und dem Privatsektor erleichtern, können sie zu einem in sich schlüssigen Ökosystem aus hochwertigen Infrastrukturen beitragen.