Seit der Abschaffung der Industriezölle sind in der Schweiz vor allem die Preise für Bekleidung und Schuhe gesunken. (Bild: Keystone)
Bis Ende 2023 erhob die Schweiz Zölle auf Industrieprodukte – also auf sämtliche Güter, die nicht Agrar- oder Fischereierzeugnisse sind. Diese Zölle lieferten dem Bund jährliche Einnahmen von rund 680 Millionen Franken, verteuerten jedoch Produkte wie Bekleidung oder Möbel. Per 1. Januar 2024 wurden diese Zölle abgeschafft. Gleichzeitig wurden die Einfuhrformalitäten vereinfacht. Das Ziel waren tiefere Preise für Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten sowie ein gestärkter Wirtschaftsstandort Schweiz dank besserem Zugang zu internationalen Vorprodukten.
Der Wegfall der Zölle für Industrieprodukte wirkt gesamtwirtschaftlich über drei Kanäle: erstens direkte Kosteneinsparungen für importierende Unternehmen, weil keine Zölle mehr anfallen. Zweitens administrative Entlastung beim Import: Um eine Zollbefreiung im Rahmen von Freihandelsabkommen zu erhalten, müssen Firmen etwa nachweisen, aus welchem Land die Ware stammt. Diese sogenannten Ursprungsnachweise fallen nun meist weg.[1] Zudem können die importierten Güter nun mit einer vereinfachten Produktsystematik deklariert werden. Drittens verstärkt sich durch den Wegfall der Handelsschranken der Wettbewerb zwischen in- und ausländischen Anbietern, was weitere Wohlfahrtsgewinne ermöglicht.
Doch hat die Reform gewirkt? Das Basler Beratungsunternehmen BSS ist dieser Frage im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) nachgegangen. Eine solche Analyse ist herausfordernd, weil die Zölle im Verhältnis zum Warenwert meist gering waren. Parallel wirkten weitere Faktoren wie die Mehrwertsteuererhöhung, die Inflation, Wechselkursschwankungen und pandemiebedingte Entwicklungen auf die Preise. Deswegen waren die Effekte der Zollabschaffung schwierig zu isolieren.
Einsparpotenzial bei Bekleidung und Schuhen am grössten
Daten des Bundesamts für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) zeigen, dass vor dem Zollabbau insbesondere Bekleidung und Schuhe hohe Zolleinnahmen generierten (siehe Abbildung). Mit über 300 Millionen Franken lagen sie 2022 deutlich vor anderen Waren wie Autos und Motorrädern mit 42 Millionen Franken. Weil für Bekleidung und Schuhe die Zollbelastung sowohl absolut als auch relativ am höchsten war, bestand hier das grösste Entlastungspotenzial für die Konsumentinnen und Konsumenten.
Von allen Konsumgütern generierten Bekleidung und Schuhe die höchsten Zolleinnahmen (2022)
INTERAKTIVE GRAFIK
Geschätzte Entlastung von 180 Franken pro Haushalt
Um zu schätzen, wie stark die Preise für Konsumentinnen und Konsumenten sanken, vergleicht die Studie die Preisentwicklung in der Schweiz mit jener in ausgewählten europäischen Ländern anhand des Harmonisierten Verbraucherpreisindex von Eurostat. Diese Analyse zeigt einen statistisch gesicherten Preisrückgang im Vergleich zur potenziellen Preisentwicklung ohne Zollabbau. Die genaue Höhe des Preisrückgangs ist unsicher. Die Studie schätzt, dass die Preise für Konsumgüter in der Schweiz im ersten Jahr nach dem Zollabbau durchschnittlich um 1,15 Prozent sanken. Dieser Rückgang zeigt sich relativ zur Preisentwicklung in den europäischen Vergleichsländern ohne Zollabbau. Über einen längeren Zeitraum könnten die Preise noch stärker sinken, da die initialen Senkungen weitere Kettenreaktionen auslösen. Das heisst, Unternehmen in der Schweiz senken ihre Preise als Reaktion auf die Preissenkungen anderer Unternehmen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Für den Warenkorb eines durchschnittlichen Schweizer Haushalts ergibt sich im Vergleich zur potenziellen Preisentwicklung ohne Zollabbau eine jährliche Entlastung von rund 180 Franken, wobei die Kategorie Bekleidung und Schuhe am meisten beiträgt. Hochgerechnet auf alle Haushalte der Schweiz, entspricht dies einer Gesamtersparnis von rund 724 Millionen Franken pro Jahr.
Unternehmen bewerten Zollabbau mehrheitlich positiv
Eine durch BSS durchgeführte Befragung von 705 Schweizer Unternehmen im Handel und im verarbeitenden Gewerbe etwa ein halbes Jahr nach der Zollabschaffung bestätigt diese positiven Wirkungen. Rund ein Viertel der befragten Firmen berichtete von tieferen Einkaufskosten, besonders im Grosshandel. Zumeist lagen die Ersparnisse unter 3 Prozent der Einkaufskosten. Einzelne Unternehmen berichteten jedoch von deutlich höheren Ersparnissen.
Über zwei Drittel der Unternehmen gaben an, die entstandenen Kostenvorteile teilweise oder vollständig an ihre Kunden weitergegeben zu haben. Für eine unvollständige Weitergabe nannten sie zwei Gründe: einerseits gestiegene Preise bei anderen Produktionsfaktoren wie zum Beispiel Löhnen. Andererseits die Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,4 Prozentpunkte, die ebenfalls per 1. Januar 2024 in Kraft trat. Der Zollabbau ermöglichte damit nicht nur direkte Preissenkungen, sondern trug auch dazu bei, drohende Preiserhöhungen abzuwenden oder abzuschwächen. Auch die administrativen Erleichterungen wurden überwiegend positiv bewertet, insbesondere der Wegfall von Ursprungsnachweisen. Rund ein Viertel der Unternehmen verzeichnete dadurch Einsparungen.
Gleichzeitig berichtete über ein Viertel der befragten Unternehmen von einer verschärften Wettbewerbssituation. Ohne Zölle haben ausländische Anbieter tiefere Kosten, und ihr bürokratischer Aufwand ist geringer. Das senkt die Kosten für ihren Eintritt in den Schweizer Markt. Weil die Zölle nicht auf den Warenwert, sondern pro Kilogramm Gewicht erhoben wurden, waren günstige Produkte relativ stärker belastet als hochpreisige Waren. Daher profitieren vom Wegfall der Zölle insbesondere günstige Anbieter aus dem Ausland. Für inländische Unternehmen bedeutet mehr Wettbewerb eine Herausforderung, weil sie möglicherweise die Preise senken müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Konsumentinnen und Konsumenten hingegen profitieren.
Branchenspezifische Unterschiede
Vertiefende Fallstudien in der Textil- und Bekleidungsbranche sowie im Automobilsektor zeigen ausgeprägte branchenspezifische Unterschiede. In der Bekleidungsbranche sind die Margen tief und der Preiswettbewerb intensiv. Wenn ein Unternehmen seine Kundschaft nicht an günstigere Konkurrenten verlieren will, muss es die Zolleinsparungen schneller und umfangreicher an die Konsumentinnen und Konsumenten weitergeben.
Im Automobilsektor hingegen zeigte sich ein anderes Bild. Dort bestehen hohe Fixkosten, lange Lieferketten und Zölle, die im Verhältnis zum Fahrzeugpreis kaum ins Gewicht fielen. Preisänderungen waren hier deshalb statistisch nicht festzustellen. Profitiert haben jedenfalls die freien Importeure, die Fahrzeuge unabhängig von den offiziellen Vertriebsstrukturen einführen. Diese waren für einen zollfreien Import bisher auf Ursprungszeugnisse der Hersteller angewiesen, was häufig zu Komplikationen führte – dieser Aufwand entfällt nun.
Die Konsumentenpreise sind infolge des Zollabbaus gesunken, und der intensivere Wettbewerb dürfte anhaltende Preissenkungen begünstigen. Unternehmen berichten von tieferen Einkaufskosten und administrativen Entlastungen, was ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit stärkt. Der Bund verzichtet zwar auf Einnahmen, doch der Abbau der Industriezölle hat seine zentralen Ziele damit erreicht.
- Siehe auch Zimmermann (2023). Wie die Schweiz vom Abbau der Industriezölle profitiert. Die Volkswirtschaft, 4. Dezember. []
Zitiervorschlag: Mergele, Lukas; Wehrli, Damian; Lehmann, Jonas; Sauré, Philip (2026). Tiefere Preise dank Abschaffung der Industriezölle. Die Volkswirtschaft, 29. Januar.