Saudi-Arabien: Ein Ölstaat erfindet sich neu
Seit 2020 richtet Saudi-Arabien die Dakar-Rally aus. Internationale Sportgrossanlässe sollen Tourismus und neue Wirtschaftssektoren stärken. (Bild: Keystone)
Die Schweiz und Saudi-Arabien – dieses Jahr feiern wir das 70-Jahr-Jubiläum unserer diplomatischen Beziehungen! In dieser wechselvollen Geschichte bin ich die erste Frau, die die Schweizer Regierung im Königreich Saudi-Arabien vertritt. Meine Ernennung wurde in Riad als Anerkennung der Schweiz für den laufenden sozioökonomischen Wandel in Saudi-Arabien begrüsst. Denn lange waren Frauen aus dem Berufs- und dem Gesellschaftsleben weitestgehend ausgeschlossen. Doch als Schlüsselelement des als «Vision 2030» bekannten Paradigmenwechsels ist die wirtschaftliche und gesellschaftliche Mobilisierung der Frauen ein zentraler Pfeiler der historischen Reformen, die das einzige G20-Land der arabischen Welt gerade grundlegend umkrempeln.
Mit Tempo in eine ambitionierte Zukunft
Ich lebe seit drei Jahren hier in Riad. Die hohe Geschwindigkeit, mit der sich das Königreich vor meinen Augen verändert und zu einem der zentralen Wirtschafts- und Innovationsstandorte des Nahen und des Mittleren Ostens entwickelt, ist beeindruckend. Die Dynamik ist in nahezu allen Lebensbereichen spürbar, von der städtebaulichen Transformation über neue wirtschaftliche Rahmenbedingungen bis hin zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen.
Das saudische Bruttoinlandprodukt wächst schneller als das schweizerische
Ausgangspunkt dieser Transformation ist die «Vision 2030». Mit ihr verfolgt die saudische Regierung das Ziel, die Wirtschaft strukturell vom Erdöl zu entkoppeln, eine diversifizierte, wissensbasierte Volkswirtschaft aufzubauen und dadurch die Abhängigkeit des saudischen Fiskus von den Erdöleinnahmen zu reduzieren. Dreizehn strategische Sektoren, darunter Energie, Gesundheit, Tourismus, Kultur und Technologie, bilden das Rückgrat dieser ambitionierten Reformagenda. Ergänzt werden sie durch branchenübergreifende Initiativen wie etwa die «Regional Headquarter Initiative», die internationale Unternehmen dazu bringen soll, ihre regionalen Unternehmenszentralen nach Riad zu verschieben. Saudi-Arabien positioniert sich damit als Drehscheibe für Geschäftsaktivitäten im gesamten Nahen Osten – in direkter Konkurrenz zum klassischen Hub Dubai. Über 200 Schweizer Unternehmen haben sich inzwischen vor Ort niedergelassen, und 30 haben ihr regionales Hauptquartier hier eröffnet, um sich für den Zugang zu den lukrativen Regierungsaufträgen zu qualifizieren.
Parallel treibt das Königreich «Gigaprojekte» voran: Es sollen ganze neue Städte entstehen und neue Wirtschaftszweige erschlossen werden, welche die Attraktivität für Touristen, Fachkräfte und Investoren steigern. Zugleich ist eine Phase der Konsolidierung erkennbar: Die hochtrabenden Pläne treffen auf die Realität der Machbarkeit, der Finanzierung und der Umsetzung. Das zeigt etwa die Neubewertung des Projekts Neom», einer speziellen Wirtschaftszone am Roten Meer mit einer Reihe von spektakulären Teilprojekten. Die drastische Redimensionierung von dazugehörigen futuristischen Teilprojekten wie etwa der Bandstadt The Line zeigt die enormen Herausforderungen, aber auch eine Entwicklung in Richtung eines nachhaltigeren Ressourceneinsatzes angesichts von Budgetproblemen und steigender Verschuldung. Der ursprüngliche Plan von The Line sah eine 170 km lange Bandstadt im Nordwesten Saudi-Arabiens vor, das ohne Autos und Kohlendioxidemissionen auskommen und dereinst 9 Millionen Einwohner zählen sollte. Im September 2025 wurde das Bauprojekt bis auf Weiteres eingestellt.
Aufgrund finanzieller Verpflichtungen im Zusammenhang mit der Weltausstellung 2030 und der Fifa-Fussballweltmeisterschaft 2034 rücken Sektoren mit rascherem wirtschaftlichem Ertrag stärker in den Fokus, so etwa Tourismus und Technologie. Auch die Verschiebung der einst für 2029 geplanten Asiatischen Winterspiele in Trojena rechtfertigt die saudische Regierung mit einer realistischeren, schrittweisen Umsetzung.
Solide Finanzen trotz Megaprojekten
Der saudische Haushaltsplan reflektiert diesen Kurs. Für 2026 wurde ein Defizit von 44 Milliarden Dollar, rund 3,7 Prozent des BIP, erwartet. Gleichzeitig verharrt die Schuldenquote mit etwa 31,8 Prozent des BIP international betrachtet auf einem soliden Niveau. Angesichts der aktuellen Eskalation der regionalen Krise um Iran ist davon auszugehen, dass die erwarteten Zahlen höher ausfallen könnten. Im Vergleich hat die Schweiz einen Überschuss von rund 1,1 Milliarden Dollar, rund 0,1 Prozent des BIP, und eine Schuldenquote von etwa 36,1 Prozent. Nichtsdestotrotz gelten die öffentlichen Finanzen als stabil, das Königreich bleibt kreditwürdig.
Die Wechselkursbindung des saudischen Rials an den Dollar brachte lange Zeit Vorteile wie etwa eine tiefe Inflation; doch die aktuelle Abwertung des Dollars schwächt die Finanzlage des auf Importe angewiesenen Landes weiter. Ein bedeutender Reformschritt ist die Öffnung des Kapitalmarkts: Seit Februar 2026 dürfen ausländische Investoren direkt in den saudischen Aktienmarkt investieren. Diese Liberalisierung stärkt Liquidität und Transparenz und dürfte auch für Schweizer Investoren neue Perspektiven eröffnen. Vorerst verharren die Zahlen der ausländischen Direktinvestitionen unter den Erwartungen.
Trotz Schwankungen auf den globalen Energiemärkten, sei es durch Entscheidungen der Opec+, geopolitische Spannungen oder die Auswirkungen der Russland-Sanktionen, bleibt Saudi-Arabien eine wichtige Wachstumsregion. Zwar dürfte der Ölpreis langfristig durch den Markteintritt neuer Förderländer wie Guyana und Venezuela auf einem moderaten Niveau bleiben, doch sorgt die regionale Krise um den Iran für erhöhte Unsicherheiten und einen Preisanstieg. Die Krise belastet das Geschäftsmodell der Golfstaaten. Doch die Regierung forciert konsequent den Ausbau der Nicht-Öl-Wirtschaft, die mittlerweile mehr als die Hälfte des Bruttoinlandprodukts ausmacht. Für 2026 wird im nicht ölbasierten Sektor ein Wachstum von rund 4,7 Prozent erwartet, getragen von Infrastrukturinvestitionen, Grossveranstaltungen und einer konsequenten Digitalisierungsstrategie.
Saudischer Staatsfonds wichtigster Investor
Eine Schlüsselrolle bei der Transformation kommt dem saudischen Public Investment Fund (PIF) zu, dessen Vermögen sich auf über 900 Milliarden Dollar beläuft. Der Staatsfonds finanziert sich hauptsächlich aus Erdöleinnahmen, Staatszuschüssen und Kapitalmarktfinanzierungen. Rund 80 Prozent seiner Investitionen fliessen in inländische Projekte, insbesondere in Mobilität, Fintech, erneuerbare Energien, Verteidigung, Medien und Immobilienentwicklung. Trotz Budgetanpassungen bleibt der Staatsfonds das zentrale Instrument der wirtschaftlichen Diversifizierungsstrategie.
Besondere Aufmerksamkeit bei den Investitionen gilt dem Humankapital. Modernisierte Lehrpläne sowie internationale Stipendienprogramme sollen die Wettbewerbsfähigkeit der jungen Bevölkerung stärken. Rund 70 Prozent der Bevölkerung sind unter 35 Jahre alt. Richtig in den Arbeitsmarkt integriert und den Erfordernissen des Privatsektors entsprechend ausgebildet, sind sie ein bedeutendes demografisches Potenzial.
Die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt verzeichnet historische Höchstwerte, wenn auch im internationalen Vergleich noch auf relativ tiefem Niveau: 36 Prozent der Erwerbstätigen sind weiblich, von ihnen sind 35 Prozent in Führungspositionen – eine beachtliche Entwicklung für eine bis vor Kurzem weitgehend geschlechtergetrennte Gesellschaft. Parallel dazu werden Kultur, Medien und internationale Sportgrossanlässe gezielt als Instrumente der Imagepflege, der Tourismusförderung und der wirtschaftlichen Diversifizierung eingesetzt und tragen zugleich dazu bei, Fachkräfte im Land zu halten und neue anzuziehen.
Chance für Schweizer Unternehmen
Die dynamische Entwicklung Saudi-Arabiens entfaltet auch in der Schweiz ihre Wirkung. In den vergangenen Jahren durfte ich mit meinem Botschaftsteam eine Vielzahl hochrangiger Schweizer Delegationen empfangen, darunter Wirtschaftsdelegationen angeführt von Bundesrat Parmelin, vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), vom Export- und Standortförderer Switzerland Global Enterprise, von Schweiz Tourismus, verschiedenen Bundesämtern und vielen mehr. Diese intensive Besuchsdiplomatie ist Ausdruck der Neugierde auf das «neue» Saudi-Arabien.
Für Schweizer Unternehmen ergeben sich aus der saudischen Transformation vielfältige Chancen. Besonders gefragt sind Kompetenzen in den Bereichen Technologie, Infrastruktur, Gesundheitswesen, Gastgewerbe, Tourismus und Bildung, da die Regierung hier verstärkt investiert. Ich bin besonders stolz darauf, dass mein Botschaftsteam in allen diesen Bereichen Pionierarbeit für den Zugang der Schweizer Unternehmen in Saudi-Arabien leistet. So haben wir 2023 das erste Saudi-Swiss Cleantech Forum, 2024 das erste Saudi-Swiss Fintech Forum und 2025 das erste Saudi-Swiss Hospitality Forum mit grossem Erfolg organisiert – einige meiner persönlichen Highlights aus den vergangenen drei Jahren.
Natürlich bestehen in dieser von Krisen geschüttelten Region auch Risiken und Herausforderungen: Die geopolitischen Spannungen in der Nachbarschaft verunsichern Investoren. Regulierungen sind dicht und kompliziert – Schweizer Unternehmen müssen oft Anwälte und Berater zuziehen. Der Markteintritt oder «Ease of Doing Business» ist nicht immer einfach. In den Ranglisten zur Wettbewerbsfähigkeit wie zum Beispiel im «IMD World Competitive Yearbook» kämpft sich das Königreich langsam, aber stetig empor. So belegte Saudi-Arabien 2021 noch den 32. Platz; 2025 schon den 17. Rang. Zusammen mit unseren Partnern setzen wir uns für weitere Reformen ein, etwa die Verbesserung des Investitionsschutzes oder der Rechte und des Schutzes der Arbeitsmigrantinnen und -migranten.
Fokussiert und engagiert in die Zukunft
Saudi-Arabien steht somit an einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wendepunkt. Die Ziele bleiben ehrgeizig, doch die Umsetzung erfolgt zunehmend mit klarer Priorisierung, fiskalischem Augenmass und stärkerem Fokus auf Nachhaltigkeit. Ich hoffe, dass die Folgen der aktuellen kriegerischen Ereignisse in der Region diese Aussicht nicht nachhaltig schädigen.
Für mich persönlich ist es inspirierend, zu sehen, wie die «Vision 2030» die Menschen hier ermutigt und befähigt, ein neues Kapitel ihrer Geschichte zu schreiben. Gerade die vielen Frauen jeden Alters, mit denen ich mich austausche, beeindrucken mich durch ihr Engagement, ihren Ehrgeiz, ihr Selbstbewusstsein und ihren Gestaltungswillen. Sie haben mich als erste Schweizer Botschafterin in ihrem Land mit grossem Respekt und Stolz empfangen. Ich hoffe, dass sie sich ihren Optimismus und Zukunftsglauben bewahren dürfen!
Zitiervorschlag: Chatila Zwahlen, Yasmine (2026). Saudi-Arabien: Ein Ölstaat erfindet sich neu. Die Volkswirtschaft, 16. März.
Neugierig, was dieses oder jenes Land auszeichnet und mit der Schweiz verbindet? Schweizer Botschafterinnen und Botschafter im Ausland stellen ihr Gastland vor.
Staffel drei geht dem Wirtschaftswachstum auf den Grund. Sie beleuchtet Entwicklungen in Polen, Indien, Äthiopien und Saudi-Arabien. Die ganze Staffel finden Sie hier.
| Einwohner (Wachstum)a | 35,3 Mio. (+4,6%) |
| Währung | Saudi-Riyal (SAR) |
| BIP pro Kopfb kaufkraftbereinigt: nominal: |
71’479 $ (CH: 95’155 $) 35’122 $ (CH: 104’681 $) |
| BIP-Wachstumb | 2,0% (CH: 1,4%) |
| Arbeitslosenrate gemäss ILO-Modella | 3,5% (CH: 4,3%) |
| Schweizer Direktinvestitionen in Saudi-Arabienc | 1,8 Mrd. $ |
| Saudische Direktinvestitionen in der Schweizc | k. A. |
| Saudische Exporte als Anteil aller Importe der Schweizc (nur Waren) |
0,3% (Rang 48) |
| Schweizer Exporte als Anteil aller Importe Saudi-Arabiensc (nur Waren) |
3,2% (Rang 9) |
| Schweizer Warenimporte aus Saudi-Arabiend | Metalle (86,5%), Waren anderweitig nicht genannt (9,4%), Datenverarbeitungsgeräte, elektronische und optische Erzeugnisse (1,5%), chemische Erzeugnisse (1,5%) |
| Schweizer Warenexporte nach Saudi-Arabiend | Metalle (67,0%), pharmazeutische Erzeugnisse (11,3%), Datenverarbeitungsgeräte, elektronische und optische Erzeugnisse (5,7%), elektrische Ausrüstungen (3,6%) |
| Bevölkerungsanteilea 0–14 Jahre 15–64 Jahre 65+ |
24% (CH: 15%) 73% (CH: 65%) 3% (CH: 20%) |
a Weltbank, b IWF (2025). World Economic Outlook, c IWF, d Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit / Stand: 6.3.2026