Soziale Mobilität: Sozialhilfeerfahrungen in der Familie bleiben nicht bestehen
Grossvater und Enkel: Das Risiko, sozialhilfeabhängig zu werden, ist in der Kernfamilie – bestehend aus Eltern und Geschwistern – grösser. Eine Generation später ist dieser Effekt fast verschwunden. (Bild: Keystone)
Chancengerechtigkeit ist ein zentrales Versprechen unserer Gesellschaft: Jeder Mensch soll unabhängig von Herkunft und Familie die Möglichkeit haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Gerade für Personen mit wenig finanziellen Ressourcen wird dieses Versprechen oft angezweifelt. Die verbreitete Sorge lautet: Wer arm aufwächst, bleibt arm. Dahinter steht die Vorstellung, dass Armut tiefe Wurzeln schlägt und sich über ganze Verwandtschaftsnetze verfestigt.
Im Bereich der Sozialhilfe wäre eine solche Weitergabe besonders belastend: Sie würde bedeuten, dass sich Armut wie ein roter Faden durch Grossfamilien zieht. Doch trifft das tatsächlich zu? Diese Frage stand im Zentrum unserer Analyse.[1]
Sozialhilfe als temporäres Sicherheitsnetz
Im Jahr 2024 bezogen 2,9 Prozent der ständigen Schweizer Wohnbevölkerung Leistungen der wirtschaftlichen Sozialhilfe – das sind gut 250’000 Personen. Besonders häufig betroffen sind Kinder, Ausländerinnen und Ausländer sowie geschiedene Personen. In städtischen Gebieten und grossen Gemeinden ist die Sozialhilfequote ebenfalls erhöht.[2]
Die Sozialhilfe dient als letztes soziales Netz: Sie stabilisiert Menschen in schwierigen Lebenssituationen und soll ihnen die Rückkehr in den Arbeitsmarkt erleichtern. Gerade deshalb wäre es alarmierend, wenn sich Sozialhilfeabhängigkeit innerhalb von Familien dauerhaft verfestigen würde.
Horizontale statt vertikaler Verwandtschaft
Um zu messen, welche Rolle die familiäre Herkunft spielt, untersucht die Forschung üblicherweise die vertikale Linie: Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern.[3] Bei der Sozialhilfe sind diese Informationen jedoch nur begrenzt vergleichbar. Denn institutionelle Regeln und Anspruchsvoraussetzungen haben sich über die Generationen stark verändert.
Unsere Studie wählt daher einen anderen Ansatz: den horizontalen Vergleich innerhalb derselben Generation – zwischen Geschwistern und Cousins. Die Geschwister teilen die elterliche Umwelt, die Cousins Teile des Grosselternhauses. So wird die Rolle der erweiterten Familie sichtbar, auch wenn keine vollständigen Daten zu früheren Generationen vorliegen.
Die Analyse basiert auf umfassenden Schweizer Registerdaten zu knapp 124’000 Grossfamilien. Betrachtet werden junge Erwachsene zwischen 20 und 33 Jahren; diese Alterskohorte ist übereinstimmend mit der bestehenden Literatur zur intergenerationalen Wohlfahrtsabhängigkeit. Als sozialhilfeabhängig gilt, wer zwischen 2010 und 2022 mindestens einmal Leistungen bezogen hat.
Familiäre Prägung: Stark, aber kurzlebig
Unsere Resultate zeigen ein klares Bild: Innerhalb der Kernfamilie, gemessen am Status der Geschwister, ist der Einfluss erheblich, danach nimmt er rasch ab. Hat eine Person ein sozialhilfeabhängiges Geschwister, steigt ihr eigenes Risiko, sozialhilfebedürftig zu sein, um 22 Prozentpunkte. Das entspricht einer mehr als zehnfachen Erhöhung des Risikos. Ist der Cousin oder die Cousine sozialhilfeabhängig, steigt das Risiko, selbst sozialhilfebedürftig zu werden, lediglich um zusätzliche 4 Prozentpunkte. Das entspricht ungefähr einer Verdoppelung des Risikos.
Anders ausgedrückt: Der Einfluss entlang der Grosselternlinie, der mittels der Cousins gemessen wird, beträgt damit nur rund ein Fünftel des elterlichen Einflusses (der mittels der Geschwister gemessen wird). Wir kommen zum Schluss: Sozialhilfeabhängigkeit kann sich innerhalb der Kernfamilie also tatsächlich konzentrieren – aber sie verliert schon nach einer Generation deutlich an Kraft.
Familiärer Einfluss nimmt unterschiedlich rasch ab
Um diese Befunde einzuordnen, vergleichen wir sie mit Mustern in der Gesamtgesellschaft. Ist die familiäre Prägung am unteren Rand der Einkommensverteilung – bei den Sozialhilfebezügern – stärker als bei anderen gesellschaftlichen Statusindikatoren wie Einkommen oder Bildung in der Gesamtbevölkerung? Oder ist die Prägung ähnlich stark?
Unsere Studie zeigt: Beim Einkommen ist der Einfluss der Kernfamilie geringer als beim Sozialhilfebezug. Ein Anstieg des Geschwistereinkommens um 10 Prozent geht lediglich mit einem rund 1 Prozent höheren eigenen Einkommen einher (siehe Tabelle). Mit anderen Worten: Verdient mein Geschwister viel, steigt dadurch die Chance, dass auch ich viel verdiene, weniger stark an, als das Sozialhilferisiko ansteigen würde, wenn mein Geschwister sozialhilfebedürftig ist. Doch der Bedeutungsschwund über die Generationen ist bei Sozialhilfe und Einkommen nahezu identisch: Der Einfluss entlang der Grosselternlinie beträgt auch beim Einkommen nur rund ein Fünftel des elterlichen Einflusses.
Anders bei der Bildung: Die Weitergabe über Generationen ist hier deutlich zäher. Der Einfluss der Grosselternlinie (gemessen anhand der Cousins) liegt noch immer bei rund einem Drittel des elterlichen Einflusses (gemessen anhand der Geschwister). Dass die familiäre Prägung der Elterngeneration bei der Bildung deutlich ausgeprägter ist als beim Einkommen, war aus der bisherigen Forschung bereits bekannt.[4] Nun zeigt unsere Studie, dass sich diese Hartnäckigkeit auch weniger rasch über die Generationen hinweg verflüchtigt.
Allerdings: Die anhaltende familiäre Hartnäckigkeit schlägt sich in der Schweiz nicht im gleichen Ausmass in den Einkommenschancen nieder. Dank des dualen Bildungssystems stehen auch ohne akademische Laufbahn gute Erwerbsmöglichkeiten offen, und Weiterbildungen können später nachgeholt werden.[5] Dadurch relativiert sich die stärkere familiäre Prägung bei der Bildung.
Die familiäre Herkunft prägt die Bildungsentscheidungen stärker als das Einkommen oder das Risiko, sozialhilfeabhängig zu werden
| Statusmerkmal | Geschwister | Cousin | Persistenzrate (Cousin/Geschwister) |
|---|---|---|---|
| Sozialhilfeabhängigkeit | 0,22 | 0,04 | 0,19 |
| Einkommen (logarithmiert) | 0,10 | 0,02 | 0,20 |
| Bildungsjahre | 0,31 | 0,11 | 0,37 |
Ermutigendes Gesamtbild
Die Schweiz präsentiert sich in einer mehrgenerationellen Betrachtung als Land mit hoher gesellschaftlicher Durchlässigkeit. Diese durchgeführte Analyse bestätigt Ergebnisse früherer Studien[6] bezüglich Einkommensunterschieden. Die hohe Durchlässigkeit gilt auch am unteren Rand der Einkommensverteilung. Familiäre Einflüsse existieren zwar, aber sie verblassen rasch über die Generationen, wie der Blick über die Kernfamilie hinaus zeigt. Das bedeutet: Armut wird nicht über ganze Verwandtschaftsnetzwerke hinweg zementiert.
Bei der Bildung ist der Einfluss der Familie stärker. Doch weil Einkommenschancen dennoch offenbleiben, behalten junge Menschen reale Möglichkeiten, ihren eigenen Weg zu gehen und dem anfänglichen Nachteil im Verlauf der Erwerbskarriere zu entfliehen.
Insgesamt lässt sich sagen: Die Herkunft prägt – doch sie legt nicht fest. Die Schweiz bleibt eine Gesellschaft, in der die familiären Schatten kürzer sind als vielerorts befürchtet.
- Erhardt et al. (2025). []
- Siehe Bundesamt für Statistik, Wirtschaftliche Sozialhilfe (Zugriff am 05.01.2026). []
- Siehe zum Beispiel die Überblicksstudien von Black & Devereux (2011) sowie Solon (2018). Für eine Mehrgenerationenbetrachtung in der Schweiz siehe Häner und Schaltegger (2024). []
- Bühler et al. (2024), Chuard und Grassi (2020). []
- Chuard und Grassi (2020), Goller und Wolter (2025). []
- Bühler et al. (2024), Chuard und Grassi (2020). []
Literaturverzeichnis
- Black, S.E und P. J. Devereux (2011). Recent Developments in Intergenerational Mobility. Handbook of Labor Economics. Volume 4 Part B, 1487–1541.
- Bühler, J., Häner-Müller, M. und C.A. Schaltegger (2024). The Mystery of Success: How Family Background Shapes Social Mobility. IWP Working Papers No. 5.
- Chuard, P. und V. Grassi (2020). Switzer-Land of Opportunity: Intergenerational Income Mobility in the Land of Vocational Education. Economics Working Paper Series, 7.
- Erhardt, T., Häner-Müller, M. und C.A. Schaltegger (2025). Tantalus Curse?: Multigenerational Persistence of Welfare Dependency in Switzerland. IWP Working Papers No. 7.
- Goller, D. und S. C. Wolter (2025). Reaching for Gold! The Impact of a Positive Reputation Shock on Career Choice. European Economic Review, Volume 175.
- Häner, M. und C.A. Schaltegger (2024). The Name Says It All. Multigenerational Social Mobility in Basel (Switzerland), 1550–2019. Journal of Human Resources 59(3), 711–742.
- Solon, G. (2018). What Do We Know So Far about Multigenerational Mobility? Economic Journal, 128(612), F340–F352.
Bibliographie
- Black, S.E und P. J. Devereux (2011). Recent Developments in Intergenerational Mobility. Handbook of Labor Economics. Volume 4 Part B, 1487–1541.
- Bühler, J., Häner-Müller, M. und C.A. Schaltegger (2024). The Mystery of Success: How Family Background Shapes Social Mobility. IWP Working Papers No. 5.
- Chuard, P. und V. Grassi (2020). Switzer-Land of Opportunity: Intergenerational Income Mobility in the Land of Vocational Education. Economics Working Paper Series, 7.
- Erhardt, T., Häner-Müller, M. und C.A. Schaltegger (2025). Tantalus Curse?: Multigenerational Persistence of Welfare Dependency in Switzerland. IWP Working Papers No. 7.
- Goller, D. und S. C. Wolter (2025). Reaching for Gold! The Impact of a Positive Reputation Shock on Career Choice. European Economic Review, Volume 175.
- Häner, M. und C.A. Schaltegger (2024). The Name Says It All. Multigenerational Social Mobility in Basel (Switzerland), 1550–2019. Journal of Human Resources 59(3), 711–742.
- Solon, G. (2018). What Do We Know So Far about Multigenerational Mobility? Economic Journal, 128(612), F340–F352.
Zitiervorschlag: Erhardt, Tamara; Häner-Müller, Melanie; Schaltegger, Christoph A. (2026). Soziale Mobilität: Sozialhilfeerfahrungen in der Familie bleiben nicht bestehen. Die Volkswirtschaft, 20. Januar.