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Polen wächst und wächst

Polen erlebt seit Jahrzehnten einen starken wirtschaftlichen Aufstieg. Die Schweiz unterstützt diesen Weg mit Forschungs- und Innovationsprojekten und mit gezielten Beiträgen zur regionalen Entwicklung.
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Marsch am polnischen Unabhängigkeitstag: Seit dem Ende des kommunistischen Regimes wächst Polens Wirtschaft stark. (Bild: Keystone)

Die Schweiz und Polen sind eng miteinander verbunden. Bereits im 19. Jahrhundert war die Schweiz Wahlheimat bedeutender polnischer Emigranten. So floh der Militäringenieur Tadeusz Kościuszko im Jahr 1815 nach Solothurn. Er war Kämpfer im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg sowie Anführer des Aufstands gegen die Teilung Polens. An der Eröffnung des noch heute bestehenden Museums zu seiner Person musizierte Ignacy Paderewski, ein begnadeter polnischer Pianist und Unabhängigkeitsaktivist. Der damals in Morges lebende Paderewski vertrat später Polen an der Pariser Friedenskonferenz. Ihnen gleich machte es Antoni Patek. Er erlangte im Schweizer Exil internationale Bekanntheit für sein Handwerk. In jüngerer Zeit lebten weitere polnische Persönlichkeiten lange in der Schweiz: so zum Beispiel der Wasserbauingenieur Gabriel Narutowicz, der 1922 erster Präsident der Republik Polen wurde. Oder der Elektroingenieur Stefan Kudelski, der nach seiner Flucht vor dem Krieg in der Schweiz revolutionäre Tongeräte entwickelte.

Diese vielfältigen Verbindungen zwischen der Schweiz und Polen spiegeln sich noch heute in den bilateralen Beziehungen. Dies erlebte ich eindrücklich bei meinem Besuch in Darlowo, einem kleinen Dorf nahe der Ostseeküste. Es war mein erster Besuch als Botschafter der Schweiz in Polen ausserhalb der Hauptstadt Warschau. Die tiefe emotionale Verbundenheit der polnischen Bevölkerung mit der Schweizer Tradition im Allgemeinen und traditionellen Schweizer Hunderassen im Speziellen faszinierte mich stark.

Europas sechstgrösste Volkswirtschaft

Was an Polen ebenfalls fasziniert, ist die wirtschaftliche Entwicklung der letzten 30 Jahre. Heute ist Polen die sechstgrösste Volkswirtschaft Europas. Dieses Jahr knackte das BIP sogar die Billionengrenze und schaffte damit den Einzug in die Top 20 der grössten Volkswirtschaften der Welt. Die polnische Volkswirtschaft besticht auch durch eine besonders tiefe Arbeitslosenquote von 2,5 Prozent (siehe Kasten).

Noch vor 35 Jahren war diese wirtschaftliche Entwicklung unvorstellbar. Denn nach dem Ende des kommunistischen Systems war Polen eines der ärmsten Länder Europas. Das Einkommen der Arbeitskräfte Polens war nur rund ein Zehntel so hoch wie das derjenigen in Deutschland. Aber nicht lange: Die Kommunismuserfahrung machte Polen zu einer Gesellschaft, in der sich viele für das Wohl vieler einsetzten. Kommunistisch geprägte Werte wie Egalitarismus, soziale Mobilität und eine breit und gut gebildete Bevölkerung trugen dazu bei, dass Polen schnell demokratische Institutionen bildete und Wohlstand schuf.

Ein wichtiger Faktor in dieser Entwicklung waren die Reformen nach dem Ende des kommunistischen Regimes. Anfang der 1990er-Jahre leitete Polen tiefgreifende Marktreformen ein, um die Wirtschaft zu stabilisieren und für internationalen Handel zu öffnen. In den folgenden Jahren wurden die sozialen Kosten der durchgesetzten Reformen abgedämpft und neue Institutionen aufgebaut. Zu Reformzeiten erreichte Polen Wachstumsraten von über 6 Prozent (siehe Abbildung).

Polens BIP wuchs im Vergleich zum Durchschnitt in der EU stärker

INTERAKTIVE GRAFIK
Quelle: Internationaler Währungsfonds / Die Volkswirtschaft

Die Schweiz investiert in Polen

Für den EU-Beitritt im Jahr 2004 setzte Polen weitere Reformen um. Danach profitierte Polens Wirtschaftswachstum von der Unterstützung durch die EU, unter anderem durch die Teilnahme am EU-Binnenmarkt und durch EU-Gelder. Während der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2007 fiel Polen als einziges EU-Mitglied in keine Rezession.

Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs galt Polen lange als Emigrationsland. Dieses Stereotyp und die Erinnerung an die kriegsgebeutelte Vergangenheit prägen gerade in Westeuropa weiterhin die Wahrnehmung. Doch die Gegenwart zeigt ein anderes Polen. Die Produktivitätskraft, die Polens wirtschaftliche Entwicklung ermöglichte, ist noch nicht ausgeschöpft. Die Wirtschaft fokussiert neben der traditionellen Produktion immer mehr auf Dienstleistungen und zieht Arbeitskräfte aus dem Ausland an. Polen gilt heute als Einwanderungsland, regionaler Motor in Europa mit stabiler Wirtschaftslage und einem vorteilhaften unternehmerischen Umfeld.

Aus diesen Gründen hat sich Polen in den letzten Jahren zu einem Prioritätsland für die Schweiz entwickelt. Über 200 Schweizer Unternehmen sind dort tätig und bieten mehr als 90’000 Arbeitsstellen. Ein zentraler Aspekt der schweizerisch-polnischen Zusammenarbeit ist der Schweizer Beitrag, der darauf abzielt, wirtschaftliche und soziale Ungleichheiten innerhalb der EU zu verringern. Zwischen 2007 und 2017 investierte die Schweiz rund 450 Millionen Franken in insgesamt 58 Projekte in Polen. Für die Periode 2019 bis 2029 erhält Polen mit 320 Millionen Franken den grössten Anteil des zweiten Schweizer Beitrags an ausgewählte EU-Mitgliedsstaaten.

Mit dem Programm zur Städteentwicklung und einem Forschungs- und Innovationsprogramm werden nicht nur Ungleichheiten vermindert, sondern auch die bilaterale Zusammenarbeit und der Wissensaustausch zwischen der Schweiz und Polen gefördert.

Innovationskonferenz Impact

Im Mai 2025 unterzeichneten Bundesrat Guy Parmelin und der polnische Minister für Wissenschaft und Hochschulbildung, Marcin Kulasek, eine Absichtserklärung zur Vertiefung der Zusammenarbeit in den Bereichen Bildung, Forschung und Innovation. Damit wurde die Partnerschaft zwischen der Schweiz und Polen weiter gefestigt. Die Unterzeichnung der Erklärung fand an der Konferenz Impact in Poznań statt, der grössten Innovationskonferenz Mitteleuropas. Jedes Jahr bringt sie über 6000 Teilnehmende aus Politik und Wirtschaft sowie rund 600 hochkarätige Referentinnen und Referenten zusammen.

Als Country-Partner der Impact’25 war die Schweiz dieses Jahr zum ersten Mal mit einem Swiss House im Zentrum der Konferenz vertreten. Dort vereinten sich Tradition und Innovation: Gastfreundschaft mit Delikatessen und Schweizer Hunden sowie Kernbotschaften über das Thema Innovation an einer Chaletwand sorgten für das passende Ambiente. Elf Rednerinnen und Redner aus der Schweiz stellten ihre Ideen zu nachhaltiger Entwicklung vor. So sprachen etwa ETH-Präsident Joël Mesot und André Hoffmann, Vizepräsident bei Roche, über die Herausforderungen von KI und nachhaltiger Wirtschaft. Beim Swiss Business Panel diskutierten Simone Wyss-Fedele, CEO von Switzerland Global Enterprise, und vier CEOs von Schweizer Firmen in Polen über Erfolge und Potenziale bilateraler Zusammenarbeit. Impact erwies sich als wertvolle Plattform, um unser Netzwerk zu vertiefen und neue Partnerschaften aufzubauen.

Im aktuellen geopolitischen Umfeld sind diese Partnerschaften noch wichtiger geworden. Künftig wird sich zeigen, wie Polen den demografischen Wandel, den Fachkräftemangel und die schwächere Produktivität bewältigt. Nur wenn es diese Herausforderungen meistert, kann das Land seine Erfolgsgeschichte fortsetzen.

Zitiervorschlag: Filliez, Fabrice (2025). Polen wächst und wächst. Die Volkswirtschaft, 15. Dezember.

Serie: Blick in die Welt

Neugierig, was dieses oder jenes Land auszeichnet und mit der Schweiz verbindet? Schweizer Botschafterinnen und Botschafter im Ausland stellen ihr Gastland vor.

Staffel drei geht dem Wirtschaftswachstum auf den Grund. Monat für Monat blicken wir auf Länder, deren wirtschaftliche Dynamik überrascht. Wir starten mit Polen. Es folgen Indien, Äthiopien und Saudi-Arabien.

Polen Flag Polen in Zahlen (2024)

 

Einwohner (Wachstum)a 36,5 Mio. (–0,4%)
Währung Zloty (PLN)
BIP pro Kopfb
kaufkraftbereinigt:
nominal:
55’185 $ (CH: 97’581 $)
26’805 $ (CH: 104’895 $)
BIP-Wachstum 3,2% (CH: 0,9%)
Arbeitslosenrate gemäss ILO-Modell 2,5% (CH: 4,1%)
Schweizer Direktinvestitionen in Polenc (2023) 8,4 Mrd. $
Polnische Direktinvestitionen in der Schweizc (2023) 0,5 Mrd. $
Polnische Exporte als Anteil aller Importe der Schweizc
(nur Waren)
1% (Rang 21)
Schweizer Exporte als Anteil aller Importe Polensc
(nur Waren)
0,4% (Rang 33)
Schweizer Warenimporte aus Polend Maschinen und Elektronik (23%), Fahrzeuge (14,4%), Landwirtschaft und Fischerei (12,7%)
Schweizer Warenexporte nach Polend Chemie und Pharma (34,3%), Maschinen und Elektronik (22,6%), Metalle (9,9%)
Bevölkerungsanteilea
0–14 Jahre
15–64 Jahre
65+
15% (CH: 15%)
65% (CH: 65%)
20% (CH: 20%)

a Weltbank, b IWF (2025). World Economic Outlook, c IWF, d Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit / Stand: 18.11.2025