Suche

Abo

Äthiopien: Afrikas aufstrebender Zukunftsmarkt

Seit Mitte der 2000er-Jahre zählt Äthiopien zeitweise zu den wachstumsstärksten Volkswirtschaften weltweit. Das Land am Horn von Afrika positioniert sich heute als vielversprechender Wirtschaftsstandort.
Schriftgrösse
100%

Äthiopien denkt gross: Premierminister Abiy Ahmed im September 2025 bei der Einweihung des Grand Ethiopian Renaissance Dam – des grössten Wasserkraftprojekts Afrikas. (Bild: Keystone)

In den letzten zwei Jahrzehnten spielte sich in Äthiopien eine der bemerkenswertesten Wirtschaftsgeschichten Afrikas ab. Lange Zeit war das Land aufgrund mehrerer Hungersnöte Symbol für Armut und Ernährungsunsicherheit, doch seit Beginn der 2000er-Jahre entwickelt es sich zu einer der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Auch wenn das Wachstum der letzten Jahre nicht linear verlief: Es ist eine Geschichte von mutigen staatlichen Ambitionen, schweren Schocks und einer Phase von Reformen und Marktöffnung, die Äthiopiens Wirtschaftslandschaft neu gestalten will.

Die ehrgeizigen wirtschaftlichen Bestrebungen Äthiopiens wurden mir direkt nach Antritt meines Amts als Schweizer Botschafterin in Äthiopien im Sommer 2025 deutlich. Wirtschaftliche Transformationen standen im Zentrum meiner ersten Gespräche mit der Regierung und sind zugleich in der Hauptstadt Addis Abeba unübersehbar. Bei meinem Besuch Addis Abebas im Frühling 2025 zeigte sich die Stadt im rasanten Wandel: Baukräne und Hochhäuser prägen die Skyline, ganze Stadtviertel entstehen neu. Die Stadt stehe, so ein Gesprächspartner aus Wirtschaftskreisen, nur wenige Jahre vor einem Durchbruch, vergleichbar mit jenem von Dubai. Auch wenn solche Vergleiche vielleicht etwas hoch gegriffen sind, spiegeln sie doch eine Realität wider: Die äthiopische Regierung denkt in grossen Dimensionen.

Staatlich geleitetes Wachstum

Von Mitte der Nullerjahre bis 2019 verzeichnete Äthiopien ein durch Staatsausgaben angeregtes hohes Wirtschaftswachstum, das oft zwischen 7 und 10 Prozent pro Jahr lag. Nur wenige Volkswirtschaften weltweit konnten über einen so langen Zeitraum mit dieser Leistung mithalten. Das Wachstum wurde durch massive öffentliche Investitionen in die Infrastruktur vorangetrieben: Strassen, Eisenbahnen, Industrieparks und Stadtentwicklung. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Die Armut ging zurück, der Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung verbesserte sich, und Äthiopien wurde hinter Nigeria das zweitbevölkerungsreichste Land Afrikas. Die zuvor vornehmlich von Agrarwirtschaft geprägte Wirtschaft begann sich zu diversifizieren, wobei mehrere Sektoren – darunter die verarbeitende Industrie, Energie, Infrastruktur und Dienstleistung – rasch expandierten und auf den Exportmärkten zunehmend Fuss fassten.

Gleichzeitig zeigte das Wachstumsmodell Äthiopiens deutliche Grenzen auf. Die starke Abhängigkeit von öffentlichen Investitionen, begrenzte Exporteinnahmen, Devisenknappheit und ein streng kontrolliertes Wirtschaftssystem schränkten die Dynamik des Privatsektors ein. Diese Schwachstellen wurden durch eine Reihe von Schocks Anfang der 2020er-Jahre verstärkt: die Covid-Pandemie, den Konflikt in der Region Tigray, steigende globale Preise für Importgüter und sich verschärfende internationale Finanzbedingungen. Das Wachstum verlangsamte sich, die Inflation stieg, und das Vertrauen der Investorinnen und Investoren sank.

Marktorientierte Reformen

Diese schwierige Phase hat eine bedeutende Wende in der Wirtschaftspolitik herbeigeführt. In der zweiten Phase der sogenannten Home-Grown Economic Reform hat Äthiopien seit 2024 mit Unterstützung des IWF, der Weltbank und internationaler Partnerländer ein umfassendes Programm für makroökonomische Reformen auf den Weg gebracht. Eine Wechselkursreform verbessert zurzeit die Wettbewerbsfähigkeit und den Zugang zu Devisen. Die Fiskal- und Geldpolitik wird neu ausgerichtet, und Massnahmen zur Umschuldung schaffen Raum für neue Investitionen.

Die im Januar 2025 gegründete Wertpapierbörse bietet einen transparenten und rechtlich geschützten Zugang zu den Aktien- und Anleihemärkten und schafft damit die Grundlage für zukünftige Investitionen. Die Green Legacy Initiative, die unter anderem ein nationales Wiederaufforstungsprogramm sowie ein Einfuhrverbot für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor beinhaltet, stärkt Äthiopiens Position als Land, das Wirtschaftsreformen mit Klimawandel und nachhaltigem Wachstum in Einklang bringt. Es ist auch kein Zufall, dass Äthiopien die COP32-Klimakonferenz im November 2027 hosten wird. Diese Reformen sind zwar mit kurzfristigen Kosten verbunden, aber sie markieren einen klaren Schritt hin zu einem marktorientierteren und investitionsfreundlicheren Umfeld.

Dank diesen Reformen hat das Wirtschaftswachstum wieder deutlich an Tempo gewonnen: 2025 lag es bei knapp 8 Prozent, für 2026 werden rund 9 Prozent prognostiziert. Mit einer Bevölkerung von über 130 Millionen Menschen bietet das Land eine Grösse, die in den meisten afrikanischen Märkten unerreicht bleibt. Ein Vertreter einer in Äthiopien tätigen Schweizer Firma brachte dies bei meinem ersten Business Roundtable Lunch prägnant auf den Punkt: «Ethiopia is too big to fail.» Die Urbanisierung schreitet voran und treibt die Nachfrage nach Wohnraum, Konsumgütern, Logistik, Gesundheitsversorgung und Dienstleistungen weiter an.

Regionaler Hub

Über seine Marktgrösse hinaus positioniert sich Äthiopien zunehmend als regionaler Hub. Addis Abeba ist Sitz der Afrikanischen Union und eines der wichtigsten Luftverkehrsdrehkreuze Afrikas. Dieser Umstand verleiht Investitionen eine über den nationalen Markt hinausgehende strategische Dimension. Die Arbeitskosten sind im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig, was Äthiopien insbesondere für arbeitsintensive Produktions- und Verarbeitungsaktivitäten attraktiv macht. Industrieparks und Sonderwirtschaftszonen bieten unkomplizierte Investitionsmöglichkeiten für Produktions- und Verarbeitungsaktivitäten. Mehrere Sektoren, wie etwa Landwirtschaft, Pharma, Banken und Finanzen oder Tourismus, könnten für ausländische Unternehmen vielversprechende Opportunitäten bieten.

Die Vertreter und Vertreterinnen von Schweizer Firmen in Äthiopien waren sich beim gemeinsamen Mittagessen in der Schweizer Residenz einig: Trotz weiterhin zahlreicher Herausforderungen und der komplexen Reform einer über Jahrzehnte stark staatlich geprägten Wirtschaft befindet sich das Land in einem tiefgreifenden wirtschaftlichen Wandel. Gleichzeitig herrschte Konsens darüber, dass die Richtung dieses Wandels eindeutig ist: Äthiopien bewegt sich schrittweise hin zu einem stärker marktorientierten Wirtschaftsmodell, das Raum für private Initiative, Wettbewerb und Investitionen schafft.

Markt der Zukunft?

Fortschritte lassen sich nicht über Nacht erzielen, sondern erfordern Geduld, Verlässlichkeit und Zeit. Äthiopien ist kein risikoarmer Markt und gibt dies auch nicht vor. Komplexe Regulierungen, eine träge und unübersichtliche Bürokratie, das schwerfällige Devisenmanagement, die volatile politische Dynamik und die problematische Sicherheitslage in manchen Regionen erfordern umsichtiges Handeln. Aber für Investorinnen und Investoren, die bereit sind, sich ernsthaft zu engagieren, sorgfältig die Risiken zu prüfen und eine mittel- bis langfristige Perspektive einzunehmen, bietet Äthiopien ein besonders überzeugendes Argument: einen grossen, wachsenden und sich reformierenden Markt auf dem Kontinent mit der weltweit vielversprechendsten Wirtschaftsentwicklung gemäss Prognosen des Internationalen Währungsfonds.

Deshalb plant die Schweizer Botschaft, im Jahr 2026 eine Delegation der Schweizer Privatwirtschaft nach Äthiopien zu bringen. Wenn Schweizer Unternehmensvertreter und -vertreterinnen heute nach Äthiopien kommen, reisen sie nicht an, um eine abgeschlossene Erfolgsgeschichte zu erleben. Sie kommen, um sich mit einem Land auseinanderzusetzen, das sein Wirtschaftsmodell aktiv neu definiert. Dabei haben sie die Gelegenheit, politische Entscheidungsträgerinnen und -träger zu treffen, Reformen in ihrer Entstehung zu verstehen, einen sich emanzipierenden Privatsektor kennen zu lernen, Opportunitäten für Frühinvestitionen zu identifizieren und Partnerschaften in einem Markt aufzubauen, der die wirtschaftliche Zukunft am Horn von Afrika massgeblich prägen wird.

Vielversprechender Wandel

Das anhaltende Wachstum Äthiopiens in den letzten Jahrzehnten zeugt von der Fähigkeit des Landes zur Transformation. Die nächste Phase wird offener und stärker vom Privatsektor getrieben und enger in die globalen Märkte integriert sein.

Ich freue mich, während meiner Amtszeit die wirtschaftliche Transformation des Landes hautnah zu erleben: von neuen Chancen für Schweizer Investitionen über die Entwicklung neuer Wirtschaftssektoren und den Aufschwung einer emanzipierten Privatwirtschaft bis hin zu den – hoffentlich spürbaren – positiven Auswirkungen der Reformen auf den Wohlstand der äthiopischen Bevölkerung.

Zitiervorschlag: Chanda, Riccarda (2026). Äthiopien: Afrikas aufstrebender Zukunftsmarkt. Die Volkswirtschaft, 19. Februar.

Serie: Blick in die Welt

Neugierig, was dieses oder jenes Land auszeichnet und mit der Schweiz verbindet? Schweizer Botschafterinnen und Botschafter im Ausland stellen ihr Gastland vor.

Staffel drei geht dem Wirtschaftswachstum auf den Grund. Monat für Monat blicken wir auf Länder, deren wirtschaftliche Dynamik überrascht. Bereits erschienen: Polen und Indien. Es folgt: Saudi-Arabien.

Ethiopia Flag Äthiopien in Zahlen (2024)
Einwohner (Wachstum)a 132,1 Mio. (+2,6%)
Währung Birr (ETB)
BIP pro Kopfb
kaufkraftbereinigt:
nominal:
4’089 $ (CH: 95’155 $)
1’310 $ (CH: 104’681 $)
BIP-Wachstum 8,1% (CH: 1,4%)
Arbeitslosenrate gemäss ILO-Modell 3,4% (CH: 4,3%)
Schweizer Direktinvestitionen in Äthiopienc k. A.
Äthiopische Direktinvestitionen in der Schweizc k. A.
Äthiopische Exporte als Anteil aller Importe der Schweizc
(nur Waren)
0,02% (Rang 99)
Schweizer Exporte als Anteil aller Importe Äthiopiensc
(nur Waren)
0,1% (Rang 41)
Schweizer Warenimporte aus Äthiopiend Erzeugnisse der Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei (94,8%), Textilien, Bekleidung und Schuhe (5,1%), Maschinen, Geräte und Elektronik (<0,1%), Präzisionsinstrumente, Uhren und Schmuck (<0,1%)
Schweizer Warenexporte nach Äthiopiend Energieprodukte (57,4%), Chemie und Pharma (14,9%), Maschinen, Geräte und Elektronik (10,7%), Präzisionsinstrumente, Uhren und Schmuck (8,2%)
Bevölkerungsanteilea
0–14 Jahre
15–64 Jahre
65+
39% (CH: 15%)
58% (CH: 65%)
3% (CH: 20%)

a Weltbank, b IWF (2025). World Economic Outlook, Oktober 2025 c IWF, d Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit / Stand: 17.02.2026