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Studentinnen investieren deutlich weniger in digitales Know-how als Studenten

Studentinnen belegen weniger Kurse für digitale Kompetenzen als Studenten. Sie erwarten geringere Lohnvorteile vom Erwerb solcher Fähigkeiten und bevorzugen Stellen mit weniger digitalen Anforderungen. Das könnte ihre späteren Löhne beeinflussen.
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Informatikkurs am Gymnasium: Wie wichtig digitale Kenntnisse im Arbeitsmarkt sind, sollte schon vor dem Studium vermittelt werden. (Bild: Keystone)

Welche Kurse Studierende wählen, prägt die Fähigkeiten, mit denen sie später ins Berufsleben starten. Anders als Lernende haben Studierende bei der Wahl ihrer Studiengänge und Kurse grosse Freiheiten. Für sie ist es daher besonders wichtig, bereits an der Hochschule die richtigen Fähigkeiten zu erwerben. Das setzt voraus, dass sie sowohl die eigenen Kompetenzen als auch die Anforderungen am Arbeitsmarkt realistisch einschätzen.

Wie gut gelingt ihnen das bei digitalen Kompetenzen wie der Nutzung digitaler Tools, der Analyse digitaler Daten und der Anwendung von Programmiersprachen? Dies haben wir im Rahmen des Forschungsprogramms «Digitale Transformation» (siehe Kasten) des Schweizerischen Nationalfonds untersucht. Hierfür wurden Masterstudierende und Doktorierende der Universität Basel zwischen Herbst 2021 und Frühjahr 2024 befragt. Konkret haben wir analysiert, wie Studierende ihre eigenen digitalen Fähigkeiten und die Anforderungen im Arbeitsmarkt einschätzen, welche digitalen Kompetenzen sie während des Studiums erwerben, wie sie deren Wichtigkeit für den Arbeitsmarkterfolg einschätzen und wie attraktiv Berufe mit hohen digitalen Anforderungen sind.

Studentinnen unterschätzen die Anforderungen

Unsere Analysen zeigen grosse Geschlechterunterschiede. Im Durchschnitt belegen Studenten mehr Kurse, die digitales Know-how vermitteln, und sie bewerten ihre digitalen Kompetenzen deutlich besser als Studentinnen. Beides lässt sich jedoch nur teilweise damit erklären, dass Männer eher an digitalen Themen interessiert sind und deshalb tendenziell öfter Studiengänge wie etwa Informatik wählen. Unsere Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass einige männliche Studierende ihre digitalen Kompetenzen möglicherweise überschätzen. Dies zeigt sich in einer hohen Diskrepanz zwischen der Selbsteinschätzung einerseits und den Noten und tatsächlich besuchten Kursen andererseits.

Was die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt angeht, überschätzen im Durchschnitt sowohl Studentinnen als auch Studenten die digitalen Anforderungen typischer Berufe ihres Studienfachs. Allerdings unterschätzen Studentinnen diese Anforderungen deutlich häufiger. Ein wichtiges Ergebnis dabei ist, dass Studentinnen, welche die erforderlichen Kompetenzen am Arbeitsmarkt unterschätzen, auch weniger digitale Kompetenzen erwerben als Studentinnen mit realistischen Einschätzungen. Bei Männern findet sich kein solcher Zusammenhang. Unsere Resultate zeigen, wie wichtig es für Bildungsentscheidungen ist, dass Studierende frühzeitig über die Kompetenzanforderungen am Arbeitsmarkt informiert werden. Im Idealfall geschieht dies schon an den Gymnasien.[1]

Studenten erwarten höhere Lohnvorteile

Ein weiterer Grund für Geschlechterunterschiede bei den digitalen Kompetenzen könnten unterschiedliche Ansichten darüber sein, wie wichtig diese für einen guten Lohn sind. Unsere Ergebnisse zeigen zum einen, dass männliche Studierende deutlich höhere Lohnprämien für digitale Fähigkeiten erwarten als weibliche. Zum anderen investieren Studierende, die eine höhere monetäre Rendite von digitalen Kompetenzen erwarten, auch mehr in dieses Know-how. Die Tatsache, dass Frauen von einem geringeren Lohnzuwachs für digitale Kompetenzen ausgehen, erklärt aber ebenfalls nur teilweise, warum sie im Durchschnitt weniger davon erwerben.[2]

Studentinnen bevorzugen Berufe mit weniger digitalen Anforderungen

Unterschiedliche Berufswünsche sind eine weitere mögliche Erklärung: In einem Experiment mit hypothetischen Stellenangeboten bewerteten Studentinnen Tätigkeiten, die ein hohes Mass an digitalen Kompetenzen erfordern, als wenig attraktiv. Bei männlichen Studierenden zeigt sich keine Abneigung gegenüber solchen Berufen. Um digitale Tätigkeiten zu vermeiden, nehmen Studentinnen im Experiment Lohneinbussen von rund 7 Prozent des durchschnittlichen Jahreseinkommens in Kauf. Der Unterschied bleibt selbst innerhalb eines Studienfachs bestehen.

Wird jedoch die Selbsteinschätzung der digitalen Kompetenzen berücksichtigt, zeigt sich kein Geschlechterunterschied mehr. Dafür sind zwei Erklärungen denkbar. Entweder schrecken Studentinnen vor Tätigkeiten mit hohem Bedarf an digitalen Kompetenzen zurück, weil sie glauben, nicht über die erforderlichen Fähigkeiten zu verfügen. Oder sie erwerben weniger digitale Kompetenzen, weil sie Berufe anstreben, die weniger von diesen Fähigkeiten erfordern. Welche Erklärung zutrifft, lässt sich mit den vorhandenen Daten nicht beantworten.[3]

Das geschlechtsspezifische Lohngefälle könnte zunehmen

Zusammenfassend zeigen unsere Analysen, dass Studentinnen deutlich weniger in digitale Kompetenzen investieren als ihre männlichen Kommilitonen. Dafür identifizieren wir drei Ursachen: Studentinnen erwarten geringere Lohnprämien für den Erwerb digitaler Kompetenzen, sie unterschätzen die digitalen Kompetenzanforderungen am Arbeitsmarkt häufiger als Studenten, und sie meiden Tätigkeiten, die ein hohes Mass an digitalen Kompetenzen erfordern.

Da digitale Kompetenzen zunehmend nachgefragt und hoch vergütet werden, dürfte die ausgeprägte Abneigung von Frauen gegenüber Berufen, die solche Kompetenzen voraussetzen, negative Auswirkungen auf ihren Arbeitsmarkterfolg haben. Insbesondere könnte sie das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern vergrössern, wenn die Nachfrage nach digitalen Kompetenzen weiter steigt. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass drei mögliche Massnahmen den Arbeitsmarkterfolg – insbesondere von Frauen – verbessern könnten. Erstens: den Erwerb digitaler Kompetenzen fördern, beispielsweise mit mehr Pflichtkursen an den Universitäten. Zweitens: verzerrte Selbsteinschätzungen der eigenen Fähigkeiten korrigieren, etwa durch standardisierte Tests. Und drittens: frühzeitig über die Anforderungen und erzielbaren Löhne am Arbeitsmarkt informieren. Ohne Gegenmassnahmen könnte sich die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auf dem Arbeitsmarkt verfestigen oder sogar verstärken.

  1. Siehe Strobl und Wunsch (2024a). []
  2. Siehe La Russa, Strobl und Wunsch (2024). []
  3. Siehe Strobl und Wunsch (2024b). []

Literaturverzeichnis
  • La Russa, Francesco, Renate Strobl und Conny Wunsch (2024). Students’ Perceived Returns to Skills. Forschungspapier, Universität Basel, 30. Dezember 2024.
  • Strobl, Renate und Conny Wunsch (2024a). Students’ Beliefs About Digital Skills. Forschungspapier, Universität Basel, 30. Dezember 2024.
  • Strobl, Renate und Conny Wunsch (2024b). Skill-related Job Preferences of University Students. Forschungspapier, Universität Basel, 30. Dezember 2024.

Bibliographie
  • La Russa, Francesco, Renate Strobl und Conny Wunsch (2024). Students’ Perceived Returns to Skills. Forschungspapier, Universität Basel, 30. Dezember 2024.
  • Strobl, Renate und Conny Wunsch (2024a). Students’ Beliefs About Digital Skills. Forschungspapier, Universität Basel, 30. Dezember 2024.
  • Strobl, Renate und Conny Wunsch (2024b). Skill-related Job Preferences of University Students. Forschungspapier, Universität Basel, 30. Dezember 2024.

Zitiervorschlag: Wunsch, Conny; Strobl, Renate (2026). Studentinnen investieren deutlich weniger in digitales Know-how als Studenten. Die Volkswirtschaft, 05. November.

Nationales Forschungsprogramm «Digitale Transformation»

Der Schweizerische Nationalfonds förderte die in diesem Artikel vorgestellte Studie im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Digitale Transformation» (NFP 77). Dieses untersucht die Auswirkungen der digitalen Transformation in der Schweiz. Das Programm umfasst 46 Forschungsprojekte in den Bereichen «Bildung, Lernen und digitaler Wandel», «Ethik, Vertrauenswürdigkeit und Governance» sowie «Digitale Wirtschaft und Arbeitsmarkt», die zwischen 2020 und 2025 durchgeführt wurden. Weitere in «Die Volkswirtschaft» bisher erschienene Studien aus dem NFP 77: