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Indien: Der Tiger ist erwacht

Indien wächst schneller als jede andere grosse Volkswirtschaft. Doch Nachhaltigkeit und soziale Ungleichheit bleiben entscheidende Herausforderungen.
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Wie ein Tiger bewegt sich Indien auf der globalen Bühne: kraftvoll, selbstbewusst und voller Ambitionen. (Bild: Keystone)

Da stand er plötzlich vor mir – der Tiger. Es war frühmorgens im Ranthambore-Nationalpark südlich der Hauptstadt Delhi. Ich hatte meine Stelle als Botschafterin in Indien eben erst angetreten und war unterwegs zu einem Gespräch mit einem Naturwissenschaftler. Schritt für Schritt trat er aus dem Unterholz auf mich zu – kontrolliert, selbstbewusst, mit einem Blick, der keinen Zweifel liess.

Dieses Bild meiner ersten Begegnung mit dem Tiger lässt mich seither nicht mehr los. Nicht seine Kraft beeindruckte mich dabei am meisten, sondern die Ruhe, die er ausstrahlte. Auch Indien selbst tritt heute mit neuer Zuversicht auf die globale Bühne: zwar nicht so abrupt wie mein Tiger, aber ebenso entschlossen.

Ein Land zwischen Tradition und Aufbruch

Delhi empfängt mich jeden Morgen mit einem orchestrierten Chaos aus hupenden Rikschas, Gewürzduft, modernen Metrolinien und heiligen Kühen. Indien ist nie nur eine Realität – es ist viele gleichzeitig: In Bangalore, der Innovationsmetropole im Süden, spreche ich mit Forschenden über künstliche Intelligenz und Raumfahrtantriebe, während nur wenige Flugstunden entfernt die Ernte vielerorts noch per Hand eingebracht wird. Genau in dieser Gleichzeitigkeit liegt auch die Erneuerungskraft des Landes.

Mit einem geschätzten nominalen Bruttoinlandprodukt von 4,2 Billionen Dollar ist Indien heute die viertgrösste Volkswirtschaft der Welt.[1] Seit Jahren wächst das Land mit über 6 Prozent. Haupttreiber sind Investitionen, Infrastruktur und Technologie. Besonders auffällig ist die Attraktivität für internationale Unternehmen. Denn Indien entwickelt sich zunehmend zu einem globalen Produktions- und Forschungsstandort. Und viele Schweizer Firmen sind Teil dieser Transformation.

Auch geopolitisch pflegt Indien die Gleichzeitigkeit. Das Land verfolgt eine Politik der «strategischen Autonomie» – unabhängig von Blöcken, aber offen für Partnerschaften. Als bevölkerungsreichstes Land der Welt, Atommacht und Wirtschaftsmotor ist es sowohl für die USA als auch für Europa zentral. Zugleich positioniert es sich in der Region als Gegenpol zu China – ohne sich festzulegen. Innerhalb der Brics-Staaten versteht sich Indien zunehmend als moderierende Kraft zwischen den Blöcken. Diese Rolle verschafft dem Land internationalen Einfluss wie nie zuvor.

Ausländische Direktinvestitionen nehmen zu

Indien zieht heute deutlich mehr ausländische Direktinvestitionen an als noch vor wenigen Jahren. Gründe dafür sind der massive Ausbau der Infrastruktur, eine riesige, gebildete und junge Arbeitsbevölkerung sowie gezielte industriepolitische Programme wie etwa die Production Linked Incentives (PLI) für Elektronik, Maschinenbau, Pharma, Batterietechnologie und erneuerbare Energien. Letztere zielen darauf ab, die lokale Wertschöpfung zu erhöhen, technologische Kapazitäten auszubauen und internationale Unternehmen zu Investitionen in die indische Energiezukunft zu bewegen.

Schweizer Unternehmen profitieren stark davon: Über 330 Firmen beschäftigen heute mehr als 150’000 Menschen in Indien. Diesen Trend illustrieren diverse Projekte wie der neue Grossflughafen Noida, der vom Flughafen Zürich geplant, gebaut und betrieben wird, sowie die Investitionen von Hitachi Energy in die digitale Netzinfrastruktur oder die Innovationszentren des Schweizer Technologiekonzerns Bühler.

Freihandelsabkommen Schweiz – Indien

Im März 2024 haben Indien und die Europäische Freihandelsassoziation (Efta), zu der auch die Schweiz gehört, ein Handels- und Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (Tepa) unterzeichnet. Das Abkommen markiert einen Wendepunkt. Es bietet den Vertragspartnern einerseits gegenseitigen Marktzugang, andererseits enthält es erstmals rechtlich verbindliche Bestimmungen zu Handel und nachhaltiger Entwicklung sowie einen konkreten Rahmen für Investitionen und langfristige Partnerschaften.

Das Abkommen beinhaltet den Zollabbau auf rund 95 Prozent der Schweizer Ausfuhren nach Indien. Dafür streben die Efta‑Staaten an, innerhalb von 15 Jahren 100 Milliarden Dollar an Direktinvestitionen in Indien zu mobilisieren und damit die Entstehung von rund einer Million direkter Arbeitsplätze zu erleichtern. Gezielte Promotionsaktivitäten sowie investitionsfreundliche Massnahmen der indischen Regierung unterstützen diese Ziele und erhöhen die Planungssicherheit in Branchen, in denen die Schweiz weltweit führend ist: Pharma, Maschinenbau, Präzisionsinstrumente, Spezialchemie und Cleantech. Mit dem Abkommen sendet die Schweiz ein klares Signal: Indien ist nicht nur Absatzmarkt, sondern Partner in globalen Wertschöpfungsketten.

Indiens stiller Kraftmotor

Wer Indiens wirtschaftliche Stärke verstehen will, muss seine Innovationskultur erleben. In Start-up-Zentren und Universitäten sehe ich eine beeindruckende Geschwindigkeit: Ideen werden getestet, verbessert und sofort skaliert.

Ein Beispiel ist «India Stack» – Indiens digitale Infrastruktur für Identität, Zahlungen und Behördendienste. Damit hat Indien eine Infrastruktur geschaffen, die weltweit einzigartig ist: 1,3 Milliarden Menschen besitzen eine digitale Identität, und über 19 Milliarden digitale Zahlungen werden monatlich über die Applikation ausgeführt. Zudem setzt Indien auf sogenannte frugale Innovationen. Damit ist gemeint, dass Produkte robust, erschwinglich und massentauglich sein sollen – und so auch die einkommensschwächeren Bevölkerungsschichten erreichen. Ein Ansatz, der auch der Schweiz neue Impulse geben könnte, etwa in der Medtech oder der Energieversorgung.

Die Schweiz fördert diese Innovationskultur. Projekte von Swissnex, der Indo-Swiss Innovation Platform oder Partnerschaften zwischen ETH, EPFL und indischen Spitzeninstituten schaffen ein fruchtbares Innovationsökosystem. Die Dynamik ist enorm – und der Austausch wächst weiter.

Der Tiger trägt Narben

Trotz beeindruckendem Aufstieg bleibt Indien ein Land mit grossen Herausforderungen: Die Luftverschmutzung belastet Millionen von Menschen, die Wasserknappheit bedroht ganze Regionen, die Ungleichheit bleibt tief verankert, und jährlich müssen Millionen Arbeitsplätze entstehen, um das Bevölkerungswachstum und den Strukturwandel aufzufangen.

Diese Herausforderungen gehören zu meinem Alltag. In Delhi ändern die Luftwerte innert Stunden. Beim Besuch von Projekten der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), welche die lokalen Behörden im Kampf gegen die Luftverschmutzung unterstützen, sehe ich aber auch, wie ernst diese Probleme angegangen werden – und das oft mit Schweizer Technologie.

Was die Schweiz von Indien lernen kann

Indien hat mich drei Dinge gelehrt. Erstens: Pragmatismus schlägt Perfektion – Lösungen werden hier umgesetzt und rasch verbessert. Zweitens: Mut zu grossem Denken! Und drittens: Offenheit gegenüber Technologie, denn die Digitalisierung wird hier als Chance verstanden – nicht als Gefahr.

Wenn ich an den Tiger denke, der leise und doch unbeirrbar aus dem Dickicht trat, sehe ich ein Land vor mir, das ähnlich entschlossen seinen Weg geht: kraftvoll, selbstbewusst, voller Ambitionen. Mit der Öffnung des Landes für Handelsabkommen, wachsenden ausländischen Direktinvestitionen, technologischen Neuerungen und einer bemerkenswerten Innovationskraft steht Indien an einem Wendepunkt.

Für die Schweiz ist dies eine Einladung, die Chancen zu ergreifen, die Partnerschaft zu vertiefen und gemeinsam eine neue wirtschaftliche und wissenschaftliche Zukunft zu gestalten. Indien ist nicht mehr der Markt von morgen. Es ist der Partner von heute.

  1. Nach Schätzungen des IWF hat Indien im Jahr 2025 Japan als viertgrösste Wirtschaft abgelöst, IWF (Oktober 2025). World Economic Outlook. []

Zitiervorschlag: Tissafi, Maya (2026). Indien: Der Tiger ist erwacht. Die Volkswirtschaft, 13. Januar.

Serie: Blick in die Welt

Neugierig, was dieses oder jenes Land auszeichnet und mit der Schweiz verbindet? Schweizer Botschafterinnen und Botschafter im Ausland stellen ihr Gastland vor.

Staffel drei geht dem Wirtschaftswachstum auf den Grund. Monat für Monat blicken wir auf Länder, deren wirtschaftliche Dynamik überrascht. Bereits erschienen: Polen. Es folgen: Äthiopien und Saudi-Arabien.

Indian Flag Indien in Zahlen (2024)

 

Einwohner (Wachstum)a 1,45 Mrd. (+0,9%)
Währung Indische Rupie (INR)
BIP pro Kopfb
kaufkraftbereinigt:
nominal:
11’176 $ (CH: 95’155 $)
2’695 $ (CH: 104’681 $)
BIP-Wachstum 6,5% (CH: 1,4%)
Arbeitslosenrate gemäss ILO-Modell 4,2% (CH: 4,1%)
Schweizer Direktinvestitionen in Indienc 11,3 Mrd. $
Indische Direktinvestitionen in der Schweizc 5,7 Mrd. $
Indische Exporte als Anteil aller Importe der Schweizc (nur Waren) 0,8% (Rang 27)
Schweizer Exporte als Anteil aller Importe Indiensc (nur Waren) 3,5% (Rang 7)
Schweizer Warenimporte aus Indiend Chemie und Pharma (36%), Edelmetalle und Edelsteine (21%), Textilien, Bekleidung und Schuhe (15,7%), Maschinen (9%)
Schweizer Warenexporte nach Indiend Edelmetalle und Edelsteine (90%), Maschinen (3,3%); Präzisionsinstrumente, Uhren und Bijouterie (2,7%), Chemie und Pharma (2,7%)
Bevölkerungsanteilea
0–14 Jahre
15–64 Jahre
65+
25% (CH: 15%)
68% (CH: 65%)
7% (CH: 20%)

a Weltbank, b IWF (2025). World Economic Outlook, c IWF, d Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit / Stand: 10.12.2025