Was bringt uns das Freihandelsabkommen mit dem Mercosur?
Milchstrasse über Montevideo, Hauptstadt Uruguays und offizieller Sitz des Mercosur-Sekretariats: Sobald das Freihandelsabkommen in Kraft tritt, sollen rund 96 Prozent der Schweizer Exporte in die Mercosur-Staaten zollfrei werden. (Bild: Keystone)
In geopolitisch unsicheren Zeiten ist es für die Schweiz besonders wichtig, ihre Handelsbeziehungen breit abzustützen und zu diversifizieren. Der Mercosur mit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay ist ein bedeutender Wachstumsmarkt mit rund 270 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten. Das Abkommen verbessert den Marktzugang für Schweizer Unternehmen, stärkt ihre Wettbewerbsfähigkeit und schafft mehr Planungssicherheit. Gleichzeitig ist es ein wichtiges Signal für eine vertiefte wirtschaftliche Partnerschaft mit einer dynamischen Region.
Ein wichtiger Punkt ist der Zollabbau. Nach einer Übergangszeit werden rund 96 Prozent der Schweizer Ausfuhren in die Mercosur-Staaten zollfrei. Davon profitieren vor allem exportstarke Branchen wie Pharma, Maschinenbau, Präzisionsinstrumente, Uhren, aber auch Produkte wie Kaffee und Energydrinks. Zugleich stärkt das die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz und verhindert, dass sie gegenüber der EU ins Hintertreffen gerät. Die EU hat nämlich ebenfalls ein Freihandelsabkommen mit dem Mercosur abgeschlossen.
So einfach ist es nicht. Die Schweiz gewährt zwar Zugeständnisse im Agrarbereich, diese sind aber begrenzt. Die Kontingente orientieren sich weitgehend an den bisherigen Importmengen. Zudem profitiert auch die Schweizer Landwirtschaft von einem besseren Marktzugang für ihre Produkte. Und das Abkommen schützt Bezeichnungen wie «Swiss» für Schokolade oder Gruyère.
Nein. Die Gesamteinfuhren von Fleisch werden aufgrund des Abkommens nicht zunehmen. Das aus den Mercosur-Staaten importierte Rindfleisch stammt überwiegend aus Weidehaltung. Hormonelle Wachstumsförderer sind in allen vier Mercosur-Staaten verboten. Alle Schweizer Qualitäts-, Deklarations- und Gesundheitsstandards bleiben vollumfänglich anwendbar.
Das Abkommen enthält weitreichende Verpflichtungen zu Arbeit, Klima und Biodiversität.
Das Abkommen wird keinen Einfluss auf die Sojaimporte haben. Die Zölle liegen auch ohne Abkommen bei null. Schweizer Regeln zu gentechnisch veränderten Organismen und Kennzeichnungspflichten bleiben unverändert streng. Die meisten Sojaimporte stammen aus Europa und unterliegen Branchenstandards für verantwortungsvolle Beschaffung ohne Gentechnik.
Nein. Das zeigt auch eine Studie der Universität Bern. Das Abkommen enthält zudem weitreichende Verpflichtungen zu Arbeit, Klima und Biodiversität. Dazu gehören die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens, der Schutz der Wälder sowie Bestimmungen gegen weitere Abholzung. Vor allem aber schafft das Abkommen einen verbindlichen und neuen Rahmen, um solche Fragen mit den Partnerstaaten überhaupt aufzunehmen und ihre Verpflichtungen in klar definierten Verfahren zu überprüfen.
Zuwarten würde die Diskriminierung der Schweizer Exportwirtschaft gegenüber den Konkurrenten aus der EU verlängern. In einem international angespannten Umfeld, das von erheblichen Unsicherheiten geprägt ist, ist es wichtiger denn je, auf die Diversifizierung der Handelsbeziehungen hinzuarbeiten. Unabhängig von der Situation in der EU ist dieses Abkommen für die Schweiz von grosser Bedeutung.
Die Chancen stehen gut, sofern es gelingt, allen Stakeholdern aufzuzeigen, dass das Abkommen den Unternehmen spürbare Vorteile bringt und die Resilienz unserer Wirtschaft erhöht – auf eine Weise, die zur nachhaltigen Entwicklung beiträgt und mit den Zielen der Schweizer Agrarpolitik vereinbar ist. Gerade in der aktuellen geopolitischen Lage dürften das für viele gewichtige Argumente sein. Um den Wohlstand aufrechtzuerhalten, braucht die Schweiz einen möglichst breiten, regelbasierten Marktzugang.
Interview: «Die Volkswirtschaft»
Zitiervorschlag: Nachgefragt bei Roger Gschwend, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) (2026). Was bringt uns das Freihandelsabkommen mit dem Mercosur? Die Volkswirtschaft, 16. April.

Roger Gschwend ist Chefunterhändler der Schweiz und der Efta für das Freihandelsabkommen mit dem Mercosur beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).